Die Tücken der Fantasy

Posted by on Jul 19, 2016 in Blog, Ideen, Schreiben, Worldbuilding | 13 Comments
Die Tücken der Fantasy

Marlakim hob den Arm. Einige Sekunden … achnee, Augenblicke … später erzitterte er von dem harten Schlag des geschliffenen Stahls … Stahl? Gab´s das wohl schon? Egal.

Er schwang nach vorne, legte all seine Kraft in diesen einen Stoß. Wozu hatte er Monate … Monate? Zyklen? Verdammt, haben die Monate? Wie messen die denn die Tage? Egal, ist ja der erste Entwurf … Monate trainiert. Echt jetzt? Trainiert? Hatte er auch einen Job? Und einen Boss? Geübt! Geübt ist besser! Wozu hatte er Monate geübt?

by Pixabay

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Kommt euch das bekannt vor? Wenn ihr Fantasy schreibt, vielleicht. Ich bin stetig auf der Suche nach den richtigen Worten. Von Zeit zu Zeit ist es eine Qual, sich zum weiterschreiben zu zwingen. Die Fragen die auftauchen kommen von einem nicht bis ins kleinste Detail zu Ende gedachten Worldbuilding.

Für mich ist Worldbuilding Mittel zum Zweck. Es dient der Geschichte. Es muss stimmig und gut überlegt sein, aber man kann sich bis ans Ende aller Tage mit Worldbuilding beschäftigen. Deshalb habe ich irgendwann damit aufgehört und merke jetzt während des Schreibens, wo ich nachbessern muss.

Würde ich das beim nächsten Mal anders machen? Vielleicht die ein oder andere Sache, aber manches fällt eben erst beim Schreiben auf.

Schwierig wird es, wo ich als „High Fantasy“-Autor nicht auf Referenzen zurückgreifen kann. Gerade bei „Show don´t tell“ ist es auch wichtig mit Bildern und Vergleichen zu arbeiten. Aber viele Begriffe habe ich nicht. Es gibt sie schlichtweg in meiner Welt nicht.

Er kann nicht gucken wie ein Auto, kalt sein wie die Arktis, dröhnen wie ein Presslufthammer. Er kann keine Frisur wie Friedrich der Große haben, eine schiefe Lippe wie Michael Douglas oder eine Stimme wie Mickey Mouse.

In der hohen Fantastik muss ich mir meine Referenzen selbst erschaffen und gleichzeitig aufpassen, dass ich den Leser nicht mit Exposition erschlage. Ich glaube, das ist ein Grund wieso Urban Fantasy so gut funktioniert und wieso so manche High Fantasy nur schwer zu Ende zu lesen ist.

Die Hintergründe müssen aus den Dialogen der Charakere entstehen, aus Konflikten und vereinzelten Internalisierungen der Charaktere. Immer in Scheiben, immer so viel, dass es die Geschichte vorran bringt und nicht ausbremst.

Ich habe mich dazu entschlossen, nicht alles neu zu erfinden. Noch hadere ich mit mir, ob es „Meter“ und „Kilometer“ geben soll. Auch bei den „Monaten“ bin ich mir nicht sicher. Aber ich nutze Referenzen, die der Leser bereits kennt und ändere sie etwas ab. Ich erfinde keine neuen Tierarten oder Pflanzen, sondern ergänze Bekanntes, wie George R. R. Martin das auch gemacht hat, bei den Schattenkatzen als Beispiel.

Im Feuerträger gibt es Legionäre, Zenturios und Konsule, auch wenn dort kein Latein gesprochen wird. Es ist ein schmaler Grat, auf dem man hier wandert – wo kann ich einen Begriff nutzen, wo ist dieser Begriff zu eng an einer bestimmten Epoche oder Historie gebunden? Ist es okay, einen Legionär statt einen Soldaten zu verwenden? Wäre Soldat denn in Ordnung? Sollte der Vollmond nicht lieber anders genannt werden?

Wenn es zu exotisch wurde, habe ich als Leser immer abgeschaltet. Ich habe lieber einen guten Lesefluss und bin dafür bereit, ein paar „geklaute“ Referenzen hinzunehmen, statt dass der Autor sich alles neu ausdenkt und mir Knoten in die Synapsen schreibt.

Wie denkt ihr darüber? Ist das ein No-Go in der fantastischen Literatur? Was geht, was geht nicht?


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13 Comments

  1. Julia
    Juli 19, 2016

    Zunächst: Interessantes Thema, klar formuliert und mit grandioser Einleitung!
    Ich persönlich habe mit Referenzen und Weltenbau aktuell zwar nicht zu kämpfen, kenne die beschriebenen Tücken aber aus diversen früheren schriftstellerischen Gehversuchen nur zu gut.

    Die Schwelle, nach der Du fragst, was noch „erlaubt“ ist und was nicht, liegt meiner Meinung nach bei jedem Menschen an unterschiedlicher Stelle. Mir selbst geht es eher so wie Dir, sobald es über einen gewissen Grad an Fantastik hinausgeht, schalte ich ab (so beispielsweise bei der zweiten Hälfte von Michael Endes „Die unendliche Geschichte“). Hingegen kenne ich Leute, für die es gar nicht weit genug von der uns bekannten Welt entfernt sein kann, und die auch jedes Detail einer neu erfundenen Welt sofort mühelos abspeichern und verarbeiten – das gelingt mir nicht, deswegen habe ich an solchen Texten auch irgendwann keine Freude mehr. Sehr angenehm finde ich es immer, wenn es Protagonisten gibt, die in etwa mit dem eigenen Wissen ausgestattet sind und die fremde Welt erst selbst kennenlernen müssen. Manch einer mag das zu anspruchslos finden, wenn der Leser auf diese Weise an die Hand genommen wird, mir persönlich kommt es aber entgegen (als weltbekanntes Beispiel sei hier „Harry Potter“ angeführt, der die – wenn auch nur in Teilen fiktive – Welt der Magie Stück für Stück entdeckt).

    Jedenfalls: ein sehr lesenswerter erster Beitrag, ich bin auch gespannt, wie andere Autoren das handhaben und hoffe auf ein paar Rückmeldungen. Ich freue mich auf mehr!

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    • BrunoThyke
      Juli 19, 2016

      Lieben Dank für diese schöne Rückmeldung!

      Ich bin da ähnlich wie Du und habe eine gewisse Bewunderung für Menschen, die sich in jedes Detail hineinfinden. Meine Stärke ist es nicht. Ich habe genau den weg gewählt, nämlich den Protagonisten quasi Ahnungslos in die Welt zu lassen – dadurch tun sich für mich gänzlich andere Hürden auf. Aber niemand hat je gesagt, dass es einfach sei zu schreiben.

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  2. Evanesca
    Juli 19, 2016

    Es ist etwas, womit ich selbst andauernd beim Schreiben hadere. Auch wenn ich keine Urban Fantasy, sondern historische Fantasy schreibe, habe ich je nachdem das gleiche Problem. Die Romanserie, die ich aktuell schreibe, spielt in der Bronzezeit – womit ich hier sogar ganz genau weiß, dass viele Referenzen nicht funktionieren.
    Ich gehöre aber zu denen, die beim Lesen pingelig sind. Das heißt: Wenn in einer High-Fantasy-Welt jemand wie ein Auto guckt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich das Buch erstmal weglege und mich eine Runde aufrege. Denn so ein Satz reißt mich komplett aus der Immersion raus und das mag ich beim Lesen überhaupt nicht.
    Was man aber schon beim Lesen nicht mag, soll man ja beim Schreiben erst Recht vermeiden.

    Es gibt Möglichkeiten, sich gerade in der High Fantasy aber einige Sachen zu legitimieren, eben weil es sonst zu kompliziert wird. Beispielsweise, indem man irgendwo anmerkt, es würde sich um die Übersetzung einer Geschichte aus einer anderen Welt handeln (wie in „Herr der Ringe“). Und dann ist es quasi der Übersetzer, der für die fremden Fantasybegriffe das Wort „Zenturio“ oder „Monat“ wählt.
    Aber auch da sollte man wirklich schauen, wie weit man gehen kann.

    Ich merze solche Dinge aber immer erst beim Überarbeiten aus. Beim Rohentwurf gilt: Hauptsache, ich habe es irgendwie erstmal geschrieben. Eine leere Seite kann ich nicht überarbeiten, eine fehlerhafte Seite schon 😀

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    • BrunoThyke
      Juli 19, 2016

      Ja, das habe ich auch schon gesehen. Aber für mich kam ein externer Erzähler nicht infrage. Aktuell habe ich das durch einen unwissenden Protagonisten und einen eigenen Handlungsstrang für den Antagonisten gelöst. In der Überarbeitung werde ich sehen, was davon übrig bleibt 🙂

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  3. Andreas
    Juli 19, 2016

    Ich denke, dass gerade der Verlust der alltäglichen Vergleiche die Sprache herausfordert. Als Autor muss man sich direkt in die Szene stellen, sich fragen wie etwas klingt, riecht, schmeckt, um dann diesen Eindruck, als auch die eigenen Reaktionen so genau und ansprechend wie möglich zu beschreiben. Gerade weil ein realer Bezug oft fehlt, sollte die Beschreibung intensiver und detailreicher sein. Gleichzeitig hilft es, Abstand von Floskeln zu nehmen.
    Es gibt für mich nur ein No-Go: Wenn die einzelnen Bestandteile kein sinnvolles Ganzes ergeben. Du kannst pinke Drachen haben, wenn es sich aufgrund der Nahrung erklären lässt; du kannst runde Häuser haben, wenn aus speziellem Holz gebaut werden usw. Ohne ein wenig Logik nutzt einem auch die Phantasie nichts.

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    • BrunoThyke
      Juli 19, 2016

      Genau hier liegt auch die Herausforderung. Die Beschreibung darf, in meinen Augen, nicht zu sehr ausufern. Das ist nicht mein Schreibstil. Aber es besteht die Gefahr, dass sie zu kurz und unlebendig wird. Zu lange Beschreibungen drücken auf das Tempo und verlangsamen eine Geschichte, zu wenig lässt die Welt zu blass erscheinen.

      Bei der Logik bin ich bei Dir, wobei ich auch finde, dass manche Dinge einfach sind. Ich habe auch beim Worldbuilding bei den Gottheiten angefangen und mich da Wochenlang herumgearbeitet, bis ich irgendwann bemerkt habe, dass es für die Story gar nicht relevant ist. Es ist auch nicht relevant, ob der Glaube „stimmt“. Deswegen ist es ja Glaube. Da hat Tolkien uns alle ein bisschen versaut, fürchte ich 😉

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  4. Nike Leonhard
    Juli 19, 2016

    Im Zweifel klar für die Lesbarkeit und die geklaute Referenz!
    Allerdings muss man aufpassen, dass sich darüber keine Widersprüche einschleichen. Ob ein Volk nun in Monaten, Monden oder Zyklen zählt, ist mir als Leserin ziemlich egal. Von mir aus kann das Jahr auch 7, 13 oder meinetwegen 42 Monate haben, sagt ja keiner, dass ein Monat die gleiche Länge haben muss, wie bei uns oder der Planet genauso lange braucht wie die Erde, um die Sonne zu umrunden. Problematisch werden andere Stellen: Ein Volk ohne Uhr zählt nicht in Sekunden; nach der mittelalterlichen Zeitmessung (die durchaus Stunden kennt), sind schon Minuten schwierig. Der Begriff „Soldat“ setzt ein stehendes Heer voraus, passt also durchaus zu Zenturien und Legionen, würde mich aber in einem lockeren Kampfverbund irritieren. In dem Moment bin ich als Leserin raus aus dem Text und wenn sich solche Stellen häufen, kann es sein, dass ich das Buch weglege.
    Als Autorin habe ich mit meinen Khon ähnliche Probleme erlebt. Das begann schon damit, ihrer Heimat einen Namen zu geben. Mir fielen sofort Begriffe wie „Grasmeer“ ein und natürlich lässt sich die Steppe so beschreiben. Nur nicht aus der Sicht eines Nomaden, der dort aufgewachsen ist! „Meer“ ist von der Küste her gedacht; die Steppe liegt aber weit im Binnenland. Deshalb hat sie diese prosaische Bezeichnung behalten. Falls es einen meiner Khon je an eine Küste verschlagen sollte, würde er sich bei den Wellen vielleicht an die Bewegung der Gräser im Wind erinnern und das Meer zur Wassersteppe erklären.
    Aber ich würde die Schwierigkeiten nicht (nur) an der Fantasy festmachen. Ich glaube, diese Probleme ergeben sich immer, wenn man versucht, eine fremdartige Kultur zu beschreiben. Bei realen Kulturen hat man lediglich den Vorteil, im Zweifel nachfragen zu können.

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    • BrunoThyke
      Juli 19, 2016

      Super Kommentar, liebe Nike.

      Der Begriff Soldat und Legion ist ein guter Hinweis, allerdings habe ich mich für ein Antikes Setting entschieden – daher auch die Begrifflichkeiten. Da gibt es die entsprechenden Legionen. Das ist auch genau der Ursprung, ich will beim Leser eben diese Assoziation zur römischen Antike entstehen lassen. Das meiste beschreibe ich, aber hier und da ist eben eine griffige Bezeichnung aus genau der Epoche hilfreich. Schwierig, da die richtigen Dinge zu finden.

      Deine Gedankengänge sind inspirierend. Das mit dem Meer und der Steppe wäre mir womöglich gar nicht aufgefallen.

      Reply
  5. Isana Nadeya
    Juli 19, 2016

    Schöner Post 🙂 Für Längenangaben nutze ich immer die „veralteten“ Maße wie Elle, Fuß , Schritt, Meile, (Zoll)… Jahre und Tage bleiben und statt Monate nehme ich Monde. Sonst fällt mir gerade nichts ein. Aber ich denke meine gehen in Ordnung , genauso wie andere Maße oder Bezeichnungen die einen historischen Hintergrund haben und zu einer Epoche gehören. Solange es zum Rest passt und nicht zu abgedroschen klingt, sollte das in Ordnung gehen und zur Not gibt es ja noch Testleser und Lektoren 😉

    Ich war mal in einer Vorlesung, wo der Autor Begriffe wie „Lampenfieber“ und „Roboter“ in seinem mittelalterlichen High-Fantasy Roman benutze und die , wie ich finde, da gar nichts zu suchen hatten.

    Liebe Grüße,
    Isana

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    • BrunoThyke
      Juli 19, 2016

      Hey Isana,

      so habe ich auch begonnen. Mit „Augenblicken“ statt Sekunden, Schritten etc. pp. Für Monat habe ich irgendwann den Zyklus genommen, aber das gefällt mir schon jetzt nicht mehr.

      Was die genannten Begriffe angeht, da bin ich ganz bei Dir. Da bin ich sofort aus dem Fluss und würde das Buch zur Seite legen.

      Reply
  6. Jutta
    Juli 26, 2016

    Statt „Monat“ geht immer gut die Bezeichnung „Mond“, vor allem, wenn wir uns auf der Erde oder einem hinreichend erdähnlichen Planeten mit einem entsprechenen Trabanten bewegen. Denn daher kommt unser Monat ja ursprünglich, von der Zeit, die der Mond braucht, um einmal komplett ab und wieder zu zu nehmen. Dass das außerdem noch zeitlich ganz gut mit dem weiblichen Hormonzyklus zusammenpasst, mag ein weiterer Grund gewesen sein, die Zeitspanne von 28 – 30 Tagen zu einer Einheit zusammen zu fassen. Auch Tag und Jahr sind ja mehr oder weniger durch die astronomischen Begebenheiten vorgegebene Zeitspannen. So ziemlich jede Kultur auf der Erde ist da so mehr oder weniger auf die gleichen Zeiteinteilungen gekommen, auch wenn einzelne Festtage und weitere Unterteilungen wie in Wochen etc. sich natürlich unterscheiden können. Das heißt, wenn die Welt physikalisch eine völlig andere sein soll, dann braucht man auch andere Zeiteinheiten. Sonst kommt man (ein bisschen verbale Archaisierung eingestreut) mit unseren eigenen ganz gut hin.

    Für Längen bieten sich Körpermaße in jeder Form an, also Fuß, Elle, Schritt, Spanne etc. Da kann sich dann auch ohne dass man das präzisieren muss jeder Leser sofort was drunter vorstellen. Und für den Fluß der Geschichte ist es meistens egal, ob ein Fuß jetzt 25, 30 oder 35 cm lang ist. Ein Meter ist hingegen ein komplettes Kunstprodukt. Auch ein Kunstprodukt kann sinnvoll sein, wenn es seinen Ursprung in der jeweiligen Kultur hat. Wenn du z.B. eine Kultur beschreibst, in der Handel und Kaufleute eine große Rolle spielen, dann passen künstliche Maße wie Rute/Stab wieder ganz gut, denn die entwickeln sich, sobald Waren zu festen Preisen getauscht werden sollen (synonym für Gewichte etc.)

    Ich glaube, das ist der Knackpuntk: eine militärisch dominierte Gesellschaft wird andere Referenzen verwenden, als eine landwirtschaftliche, eine Handelskultur andere als eine Gruppe von Jägern und Sammlern. Entscheidend ist immer, was für die alltägliche Lebensgestaltung naheliegend und praktisch ist. Ich glaube, die Frage muss man sich beim Worldbuilding stellen. Wie lebt ein ganz normaler Mensch (Ork, Zwerg, Blaubär … was weiß ich) in dieser Welt, wenn er gerade keine Abenteuer erlebt. Wenn man das vor Augen hat, dann kommen passende Referenzen von ganz alleine.

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