Ich gebe keine Schreibtipps

Posted by on Jul 28, 2016 in Blog, Schreiben | 3 Comments
Ich gebe keine Schreibtipps

Ich stehe am Herd. Es riecht angebrannt, irgendwas zwischen Spaghetti Bolognese und Holzkohlegrill. Mit der rechten Hand rühre ich im Topf herum, mit der anderen fingere ich in der Gewürzschublade. Ah. Ein bisschen 7-Punkte-System, hier eine Prise Drei-Akt-Struktur. Mhmmm, lecker; wenn man gerne über Holzkohle leckt.

Einmal umrühren. Wo ist mein Löffel? Ah, da! Neben dem „Konflikte-Kochbuch“. Da wollte ich doch auch noch etwas von übernehmen. Wo ist denn der Tipp mit den richtigen Schreibperspektiven? Mal probieren … schmeckt etwas fahd. Ach, ich geb´s auf. Gibt´s nicht doch eine Fertigmischung dafür?

Ich gebe keine Schreibtipps.

Ich bin froh, wenn ich schreibe und nicht völlig unzufrieden bin. Hier und da bekomme ich positive Rückmeldungen für meinen Stil, aber wenn ich selbst lese was ich schreibe, genügt es oftmals meinen eigenen Ansprüchen nicht.

Bislang habe ich noch kein einziges Buch zu Ende geschrieben. Veröffentlich wurde von mir: Nichts.

Bin ich Autor? Klar. Ich habe auch schon einen Hinweis:

Der Weg zum ersten Buch ist langwierig.

Früher wurden Tipps und Ratschläge von Personen gegeben, die sich auf einem höheren Kompetenzniveau als andere befanden. Wissenstransfer fand von „oben nach unten“ statt.

In Zeiten von Blogs, Selfpublishing und Social Media gehören Tipps zum guten Ton. Dabei, so scheint mir, geht es oft nicht um den Transfer von Wissen, sondern um das eigene gehört werden.

Wie generiere ich Klicks auf meinem Blog? Durch Tipps. Dinge, die die Leute interessieren. Das ist an sich gut. Es ist gut, dass Wissen durch viele Menschen frei zugänglich gemacht wird.

Dennoch kann ich in vielen Fällen die Kompetenzstufe des Blogista gar nicht überprüfen. Ich neige dazu, direkt nach Büchern von Personen zu suchen, die Schreibtipps geben. Ich lade mir dann eine Leseprobe, sofern diese vorhanden ist, und entscheide dann, ob ich die Tipps annehmen möchte oder nicht.

Das hat die Zahl der Schreibtipp-Blogs denen ich folge dramatisch zusammenschrumpfen lassen.

Ein guter Lehrer muss nicht zwingend Bestsellerautor sein, aber er sollte das, was er lehrt, beherrschen. Wie im Kampfsport: Der Sensei sollte die Technik die er lehrt, beherrschen. Wie bei allem, gibt es Ausnahmen. Es gibt auch Fußballtrainer, die erfolgreich waren, ohne je gespielt zu haben – aber die haben einen Haufen Helfer an ihrer Seite, die dessen Schwachstellen ausgleichen.

Ich möchte da Marcus Johanus, die Schreibdilletanten, Richard Norden und die Homepage von Andreas Eschbach positiv hervorheben. Als Self-Publisher sollte man bei der Self-Publisher-Bibel reingesehen haben.

Ich gebe keine Schreibtipps.

Schreiben ist nicht mein Haupterwerb und wird es voraussichtlich auch nie werden. Ich habe einen Job, den ich sehr mag. Mir steht dadurch ein gewisses Kapital zur Verfügung, um mich weiterzubilden.

Das habe ich getan und tue es laufend; dadurch habe ich mir einen reichen Fundus erschlossen, den ich anderen zugänglich machen möchte.

Wieso? Weil ich von dem reichen Fundus anderer profitiert habe. Weil es gut für alle ist, wenn Autoren nicht hinter jede Ecke einen Konkurrenten sehen, sondern daran arbeiten, gemeinsam besser zur werden. Die Welt kann gute Bücher gebrauchen.

Aber ich gebe keine Schreibtipps.mailbox-818921_1920

Ich erzähle darüber, wie ich schreibe. Ich erzähle, wie ich Charaktere entwickele. Ich erzähle, worauf ich achte. Dabei liegt es mir fern, einen allgemeingültigen Anspruch zu erheben.

Halte ich ein Ziel für wichtig? Ja. Musst du das für Deine Geschichte tun? Nein. Schreib was Du willst und wie Du willst. Wenn Du einen Happen findest der Dir schmeckt; beiß rein, nimm ihn mit.

Dieses Blog ist all you can eat to go mit mandelmacadamiacaramellsauce.

Und purer Egoismus.

In meinem Job arbeite ich oft mit Werkstudenten und Azubis zusammen. Dabei fällt mir auf, dass ich manche Dinge sehr gut erklären kann und andere nicht. Das sind die, die ich selbst nicht verstanden habe.

Das ist beim Schreiben nicht anders. Ich kann nur erklären, was ich verstanden habe. Es geht also um mein eigenes Verständnis.

Muss das hilfreich für Dich sein? Nein. Vielleicht weißt Du es sogar besser. Dann gib mir doch bitte einen Tipp. Verstehst Du etwas nicht richtig, dann frag bitte nach.

Zu viele Tipps in zu vielen Blogs sind immer gleich und ich kann manchmal nicht nachvollziehen, ob der Tippgeber sie durchdrungen hat, oder ob er sie einfach übernommen hat, weil es sich gut anhört. Das werde ich hier nicht machen.

Ich möchte Authentizität liefern. Mit allen Problemen, über die ich gestolpert bin; allen Hindernissen, gegen die ich gelaufen bin. Hier finden sich meine Gedanken zu den Dingen, meine Wege, meine Meinungen. Ich möchte nicht Tipps und Ratschläge weitergeben, die ich irgendwo gelesen habe, weil ich glaube, dass man dadurch ein paar Klicks bekommt.

Wenn Du das verstanden hast, dann kannst Du das, was ich hier schreibe als das annehmen, was es sein soll.

Vielleicht ist etwas Wertvolles für Dich dabei. Es würde mich freuen und glücklich machen. Ein falsch oder richtig gibt es nicht.

Ich bin hier um Geschichten zu erzählen. Und ich erzähle euch unter anderem die Geschichte, wie ich schreiben gelernt habe. Oder auch nicht. Das werden irgendwann meine Leser beurteilen.

Aber ich gebe keine Schreibtipps.


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3 Comments

  1. Steffi von fieberherz.de
    Juli 28, 2016

    Daumen hoch, schöner Post, breche dafür kurz mit meinem Social Media-Detox Sehe ich nämlich genau so, mache ich auch so. Und vermisse Blogs, die das ebenso frei und frank formulieren. Andersherum stören mich solche „Tipps“, die nur Derivat diverser Ratgeber sind, die nicht einmal als Quelle angegeben werden. Gegen eine Betrachtung von Ratgeberpositionen hätte ich ja nichts. Aber quellenloses Zusammenschreiben mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit – ohne mich, auch wenn mir das manchmal Leid tut (weil ich dich schon Leidenschaft am Dchreiben zunehmenden glaube).

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    • Augenschelm
      Juli 29, 2016

      Liebe Steffi, danke für Deinen Kommentar. Ich habe auf Twitter schon mitbekommen, dass es ein paar Leute gibt, die das ähnlich sehen wie wir.
      Letztlich geht es ja darum. Das Schreiben ist höchst individuell. Ich kann nur über das schreiben, was ich selbst tue. Diesen Weg aufzuzeigen ist manchmal spannender, als Ratgeber wiederkäuen. Lieben Gruß, Bruno!

      Reply
      • Steffi von fieberherz.de
        Juli 29, 2016

        Gerne – und entschuldige die vielen Tippfehler. Die Autokorrektur vom iPad ist noch heimtückischer wenn man es eilig hat :p

        Reply

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