Offline!

Posted by on Dez 28, 2017
Offline!

Heute bekommt ihr von mir einen Erfahrungsbericht meiner Onlineabstinenz. Es handelt sich dabei um einen rein subjektiven Erlebnisbericht. Der Text hat 1.380 Wörter – Du weißt selbst am besten, wie lange Du dafür brauchst.


Digitale Normalität

Ich vertreibe mir seit 1999 online die Zeit. Damals noch in Chatrooms, die nichts konnten außer sich in Echtzeit Texte hin und her zusenden. Weil wir keine Digitalkameras oder Scanner hatten, schickten wir uns die dazugehörigen Fotos noch per Post. Und man traf sich in regelmäßigen Abständen in Echt irgendwo in Deutschland.

Seitdem hat sich viel geändert – aber ich kann nicht von mir behaupten, den digitalen Medien gegenüber feindlich gesinnt zu sein. Doch haben sich in meinem Leben viele Umstände geändert (ich bin zum Beispiel älter geworden) und auch die Anforderungen an das was zu leisten ist, sind über die Jahre mit fortschreitender Karriere und wachsender Familie gestiegen. Mein digitales Leben gehört dabei für mich wie selbstverständlich dazu: Whatsapp, Twitter, Facebook, Spiegel Online, Transfermarkt.de und was es sonst noch gibt. Die nächste Information ist immer nur einen Klick weit weg.

Urlaub

Im Oktober war ich mit meiner Familie in Holland, zusammen mit einer ganzen Reihe Cousins, Cousinen, Onkeln, Tanten, Neffen und Nichten. Der Internetempfang war schlecht und ich hatte weder Zeit noch Lust, meine Accounts zu checken.

Nachdem der Urlaub vorbei war, ging es wieder Richtung Heimat und ich dachte:“So richtig vermisst hast Du das Internet nicht.“ Darauf folgte mein Entschluss: Heute machst du einfach noch mal Pause. Und am Tag darauf dachte ich das Gleiche. Und am Tag darauf ebenfalls.

Je länger meine letzte Twitter- oder Facebookaktivität zurück lag, desto weniger vermisste ich die Sozialen Netzwerke. Statt zu twittern las ich ein Buch. Ich guckte einen ganzen Film, ohne einmal zu meinem Handy zu greifen. Irgendwann fragte ich mich: Was ist eigentlich mit der AfD und dem ganzen Chaos, das dich nach der Buchmesse so beschäftigt hat? Ich hatte seit Wochen nichts mehr mitbekommen und wenn, dann weil ich gezielt auf „die Zeit“ oder bei „Spiegel“ nachgesehen habe.

Man bekommt ja nichts mehr mit

Als politisch interessierter Mensch war meine Sorge, ich würde mich in Luft auflösen, wenn ich nicht täglich alle News mitbekäme. Aber die Sorge war unbegründet, denn ich bekam trotzdem alles Relevante mit. Entweder weil mich jemand nach meiner Meinung fragte, oder weil das Radio an war oder weil ich es eben auf einer Onlineseite nachgelesen habe. Ich habe lediglich nach dem Lesen den Browser zugemacht und das Thema sacken lassen. Alles war leiser, weniger hektisch. Weniger voll Hass.

Zeitgleich habe ich mein Buch überarbeitet. Jeden Wochentag. Ich schaute nicht zwischendurch auf mein Handy. Ich brauchte auch keine Erinnerungen, Motivationsschübe oder gutes Zureden. Was mir an Wissen fehlte, recherchierte ich und ansonsten arbeitete ich einfach.

Mitte Dezember lief dann Star Wars 8 in den Kinos an und hier konnte ich meine von Tag zu Tag gelebte Onlineabstinenz nicht mehr Aufrecht erhalten. Ich brauchte den Nerdtalk und Daniel Bleckmann, Axel Hollmann und Marcus Johanus haben mich mit kreativem Nerdput unterstützt. Allerdings blieb es dann nicht dabei. Die Jahreshauptversammlung der BartBros kam, ich nutzte regelmäßig Discord, checkte Facebook und Twitter. Zwar viel weniger als zuvor und eigentlich nur in bestimmten Diskussionen, aber ich erwischte mich, wie ich teilweise nicht mal wusste, was ich schreiben soll (weil ich so raus war) und trotzdem auf die App glotzte oder sie zehn Mal nacheinander öffnete.

Gestern dann kam mir eine gesponsorte AfD Spendenwerbung in die Timeline gespült, während unter dem Hashtag „Kandel“ wieder Hass und Schuldzuweisungen die Runde machten. Ich war wieder einen Klick entfernt von Diskussionen um Mord, Totschlag, Terror. Nachdem ich schon wieder anfing, die ersten leicht sarkastischen Tweets zu formulieren, bremste ich mich, schloss die App und sagte mir, dass ich nicht wieder in diese Mühle zurückkehren möchte. Mein Verstand ist nicht geeignet, die ganzen Meinungen zu verarbeiten. Es erschien mir fast wie in dem Film „Was Frauen wollen“, in dem Mel Gibson völlig ungefragt alle Gedanken der Frauen um ihn herum hören kann und schier davon überwältigt ist.

Was tun?

Was also tun? Ich genieße die guten Unterhaltungen, bin aber schwer anfällig für den ganzen digitalen Müll, der mir in meine Timelines gespült wird. Ich kann vielleicht eine Weile widerstehen, aber es kostet mich Willenskraft und Mühe und in meinem Hinterkopf ist tatsächlich auch noch das Männchen, das mir rät Social Media Marketing für „Irgendwann einmal“ zu machen. Was mich wirklich beschäftigt ist, dass ich – da ich den Vergleich ja nun direkt vor mir hatte – regelrecht spüren konnte, welche Auswirkungen Social Media und das Internet allgemein auf mich haben und ich somit meine eigenen Recherchen aus dem „Was Dir niemand über Social Media für Autoren verrät“ an mir bestätigen konnte. Der Kopf war auf einmal wieder voll mit Themen, die da vorher überhaupt keinen Platz hatten. Ich habe allerdings nicht auf dem Mond gelebt, sondern habe lediglich weniger auf mein Handy geglotzt. Mit einigen Autoren hatten ich noch via Mail oder Whatsapp Kontakt und diesen Austausch fand ich tatsächlich schön und gewinnbringend.

Ich mag Social Media ja. Wie also umgehen damit? Es ist wie „nur noch auf Parties rauchen“, was ich als Ex-Raucher auch einmal versucht habe, letzlich aber kläglich gescheitert bin (wie nahezu alle, die das versuchen). Wie kann ich das Nützliche und Schöne so handhaben, dass mich der ganze andere Kram verschont. Die Betreiber der Social Media Kanäle haben natürlich keinerlei Interesse mich zu verschonen, denn sie sind Lotophagen unserer Zeit. Wie schaffe ich es, Social Media zu nutzen, ohne dass Social Media mich benutzt? Diese Grenze ist fließend.

Digital Decluttering mit Cal Newport

Passenderweise lud Cal Newport mich (und alle anderen in seinem Newsletter) dazu ein, für eine seiner Recherchen im Januar ein „digital decluttering Experiment“ mitzumachen (zu deutsch: Digitales Entrümpeln). Ich habe mich mit Begeisterung gemeldet und nun steht auch der Januar ganz im Zeichen des analogen Zeitvertreibs – wenn auch diesmal noch einen Schritt weiter, denn Cal möchte sogar, dass man weder Nachrichten aus dem Internet bezieht, noch Whatsapp benutzt.

Für mich wird es eine Herausforderung, weil ich berufsbedingt viel ins Internet und auch dort herumsurfen muss, da ich viel recherchiere und diese Recherchen nicht auf vorher festgelegten Bahnen verlaufen. Es verlangt also ein hohes Maß an Achtsamkeit und Ehrlichkeit mit selbst gegenüber, wann das wirklich berufliche Suchen aufhört und der nächste Klick ein reiner Interessenklick ist. Ich bin sehr gespannt auf diese Zeit. Meinen Blog werde ich möglicherweise weiterführen, das weiß ich noch nicht. Aber da ich mich hier mit ganz konkreten Inhalten beschäftige, steht das für mich aktuell nicht im Widerspruch. Aber der Januar ist nur ein Monat und danach wird sich das alte Spannungsfeld zwischen Social Media Marketing und „wie nutze ich es sinnvoll“ wieder auftun. Dennoch erhoffe ich mir einiges von dem Experiment und dem bewussteren Umgang mit Sozialen Medien.
Interessant übrigens: In meinen 2 Monaten Online-Abwesenheit haben sich meine Twitterfollower nicht wie man meinen könnte reduziert, sondern es sind ganz 21 dazu gekommen. Ohne ein einziges Wort von mir.

Zum Ablenken gehören immer zwei

In seinem Buch „The distraction Action“ schreibt der Autor Alex Soojung-Kim Pang wie er mit Zen-Mönchen spricht, die eigene Blogs und Social Media Accounts betreiben und wie sich die Achtsamkeit des buddhistischen Lebensstils mit den Ablenkungen des Internets vereinen lassen. Er berichtet von den Missverständnissen, die nicht nur an unterschiedlichen Englischkenntnissen, sondern vor allem an unterschiedlichen inneren Einstellungen lagen. Die Mönche verstanden die Fragen schlichtweg nicht. Denn die Sichtweise, dass immer etwas von außen unsere Konzentration unterbricht, ist den Mönchen fremd. Einer der Mönche sagte: „Ablenkungen existieren mit oder ohne PCs. Tasächlich sind Ablenkungen von außen viel einfacher zu handhaben als jene, die aus dem Geist selbst entstehen“. Oder anders gesagt: Eine Ablenkung wird erst eine, wenn ich es zulasse. Es gehören eben immer zwei dazu: Etwas das ablenkt und jemand, der sich ablenken lässt.

Achtsamkeit ist in meinen Augen der wesentliche Faktor, wie ich diese Hürde nehmen kann. Das surfen mit einem Zweck verbinden, vielleicht zeitlich zu beschränken. Zielgerichtet arbeiten und sich nicht dahin treiben lassen im Rausch der Digitalen Versuchungen.

Aber nun ziehe ich ab 01.01.2018 erst einmal den Stecker.

Habt ihr schon einmal eine bewusste Offlinezeit genommen? Was hat das mit euch gemacht? Welche Verhaltensweisen habt ihr danach geändert? Hat es sich für euch gelohnt? Ich freue mich, auf eure Rückmeldungen.
Meine Mail werde ich etwa einmal die Woche abrufen. Ihr könnt mir also wie gewohnt per Mail Nachrichten schicken oder hier Beiträge posten. Diese werde ich regelmäßig freigeben und auch kommentieren.


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2 Comments

  1. Elyseo da Silva
    Januar 3, 2018

    Lieber Bruno,

    es freut mich zu hören, dass du dich mit einem ähnlichen Spagat herumschlägst wie ich. Auch ich habe bislang keine Lösung gefunden, merke aber immer wieder, dass mir Offline-Zeit sehr gut tut, die Online-Zeit hingegen mein Stresslevel erhöht und meine Gedanken zumüllt.
    In meinem Falle kommt hinzu, dass ich sozusagen allein in der Ferne oft das Gefühl habe, dass mich die virtuelle Welt vor Vereinsamung bewahrt. Aber vielleicht ist das eine Milchmädchenrechnung.
    Dir erstmal viel Erfolg mit der Fortsetzung Deiner Offline-Zeit.
    Alles Liebe aus Lisboa,
    Elyseo

    Reply
    • Augenschelm
      Januar 4, 2018

      Lieber Elyseo,

      schön mal wieder von Dir zu lesen. Ich hoffe, es geht dir gut da drüben im schönen Portugal.

      Dieser Bericht ist zwar subjektiv, aber tatsächlich gibt es inzwischen eine Reihe Studien, die genau auf das hinweisen, was du sagst. Selbst Facebook hat jetzt eine Studie veröffentlicht, in der sie zugeben, dass passiver Konsum von sozialen Medien dazu führt, dass die Menschen sich hinterher schlechter fühlen. Wir sind damit also nicht alleine.

      Wie schon in meinem Text angedeutet, glaube ich, dass die Wahrheit irgendwo im achtsamen Umgang liegt; also bewusst online zu sein. Wieso mache ich das jetzt grade? Wie lange möchte ich das machen? Zudem vielleicht konsequenter alles entfernen, was einem nicht passt. Das ist zwar dann die große Filterbubble. Aber ganz ehrlich: Die habe ich im echten Leben auch. Und es gibt auch einen bewussten und wichtigen Grund, wieso ich mich mit manchen Menschen umgebe und mit anderen nicht.

      Immerhin, wir zwei würden uns, unsere Blogs und Bücher gar nicht kennen, gäbe es Social Media nicht. Es kann also nicht alles schlecht sein.

      Ich wünsche Dir viel Erfolg beim Finden deines Wegs!

      Alles liebe aus dem Ruhrgebiet,
      Bruno

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