Nachricht aus Dystopia

Hinweis: Der Text ist fiktiv. Dennoch beruht er auf Tatsachen, über die ich bei meinen Recherchen gestoßen bin. Zahlreiche Quellen sind von mir verlinkt worden. Darüber hinaus empfehle ich Jaron Laniers Buch „10 Gründe, wieso Du deinen Social Media Account sofort löschen musst“. Entscheide selbst, was Fiktion und was Wahrheit ist.


„Die Idee eines freien menschlichen Willens ist mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren. Wissenschaft geht davon aus, dass alles, was geschieht, seine Ursache hat, und dass man diese Ursache finden kann. Für mich ist unverständlich, dass jemand, der empirische Wissenschaft betreibt, glauben kann, dass freies, also nicht determiniertes Handeln denkbar ist.“

Prof. Dr. Wolfgang Prinz Psychologe, Hirnforschung Max-Planck-Institut, Leipzig


1953

Das Wissen um das menschliche Verhalten hat sich in den letzten Jahren weiter entwickelt. Jener der Psychologie anhaftender Makel der „weichen Wissenschaft“ wird von einem Harvard Professor Namens Burrhus .F. Skinner zunehmend in die Zweifel gezogen. Er ist Vertreter der kurz vor dem 1. Weltkrieg von John B. Watson begründeten Schule des Behaviorismus, zu deren Vertretern auch Iwan Petrovic Pawlow gehört.

Professor Skinner glaubt, Verhalten bestehe aus Handlungen, die auf ein Reiz-Reaktion-Konsequenz Schema zurück zuführen sind. Die inneren Vorgänge im Kopf eines Menschen haben für die Wissenschaft keine Bedeutung, obgleich nicht bestritten wird, das diese vorhanden sind. Ihm geht es um empirische Wissenschaft.

Durch eine Reihe von Versuchen und der eigens kreierten „Skinner-Box“ gelingt es Professor Skinner, das von ihm erforschte „operante Verhalten“ nachzuweisen. Es gelingt ihm, Ratten in seiner Box durch Belohnung und Bestrafung zu einem gewünschten Verhalten zu erziehen. Ohne weiteres Zutun eines Menschen. Es ist ein vollständig mechanischer, autonomer Lernprozess, der nur auf Basis von Belohnung und Bestrafung funktioniert.

Der Harvard Professor schafft es, Tauben zu „abergläubischem“ Verhalten zu erziehen, in dem er ihnen in gewissen Zeitabständen Futter zur Verfügung stellt, ganz gleich, was die Taube tut. Die Taube wiederholt derweil das, was sie zuletzt getan hat, bevor sie das Fressen bekam. Bei allen Tauben treten so unterschiedliche Verhaltensmuster auf, die durch die Belohnung verstärkt wurden. Er brachte ihnen bei, abergläubisch zu sein. Professor Skinner sagt dazu:„Trotz vieler unverstärkter Fälle, genügen einige zufällige Zusammenhänge zwischen rituellen und vorteilhaften Konsequenzen, um das Verhalten zu aktivieren und beizubehalten.“

Es folgt die Erkenntnis, dass dieses Verhalten sich auch auf den Menschen anwenden lässt und lieferte zugleich die ersten Erklärungsansätze, wieso sich Spielautomaten so großer Beliebtheit erfreuen.

Die Vermessung beginnt

Um seine Wissenschaft aussagekräftiger und empirischer zu machen, zeichnet Professor Skinner alle Informationen über Reiz und Reaktion auf. Er beginnt seine Versuchstiere zu vermessen. Dabei misst er jedes erdenkliche Verhalten und Signal, das er messen kann. Den Puls, die Frequenzen der Laute oder wie oft ein Tier mit dem Schwanz wedelt. Mit jeder hinzugewonnen Informationen steigt der Grad der Vorhersehbarkeit.

Professor Skinner veranlassen seine Erfolge von einer Menschheit zu träumen, die sich durch „sanfte, aber eindringliche ethische Sanktionen“ zu einer utopischen Gesellschaft erziehen lässt. Er schreibt die Bücher „Walden 2“ und „Jenseits von Freiheit und Würde“, in denen er diese Ideale beschreibt. Dabei geht es ihm darum, die Gesellschaft zum positiven zu Verändern, weg von Zerstörung der Umwelt, atomarer Aufrüstung und Überbevölkerung. Wie, fragt Skinner, kann es sein, dass kein ernstzunehmender Biologe heute noch bei Aristoteles nach Antworten auf seine Frage sucht, Platon aber noch immer in Universitäten gelehrt wird? Hat die Menschheit in 2000 Jahren nichts neues über sich gelernt? Die Prinzipien von Freiheit und Würde sind zwei Grundzüge, die er „als besonders störend“ bezeichnet

Bei den Menschen stoßen seine Theorien nicht auf ungeteilte Liebe. Der Willen gilt noch immer als Institution. Der Mensch glaubt, er entscheide darüber, was er will.

„Frei ist, wer in Ketten tanzen kann.“

Friedrich Nietzsche


Ungeachtet des ihm entgegengebrachten Unwohlseins entwickelt Professor Skinner Lernmaschinen, um das von ihm entwickelte „programmierte Lernen“ in Schulen einzuführen. Schüler sollen durch Belohnungen zum schnelleren und eigenständigen Lernen konditioniert werden. Es stellt sich heraus, das vor allem die technischen Möglichkeiten nicht ausreichen, um den klassischen Unterricht zu ersetzen.

Skinner stirbt am 18. August 1990 ohne das seine Utopie in die Realität umgesetzt wurde. Die strenge Sicht der radikalen Behavioristen wird zunehmend durch den Kognitivismus abgelöst. Professors Skinners Erkenntnisse zur Konditionierung in der Lerntheorie weiterhin Anwendung. Denn der Professor hat bewiesen: Seine Theorien sind auf den Menschen anwendbar, es fehlt nur die Technik.

Betritt man ein Spielhaus, dann nimmt einem das Gesetz zuerst einmal den Hut. Ist das ein symbolisches Vorzeichen, ein Akt der Vorsehung? Oder ist es nicht vielmehr eine Art Teufelspakt, der einen Pfand abfordert? Will man den Spieler vielleicht auf diese Weise nötigen, Ehrerbietung denjenigen gegenüber zu wahren, die ihm sein Geld abknöpfen wollen? Oder hat die Polizei, die ihre Nase in jeden schmutzigen Winkel der Gesellschaft steckt, gar ein Interesse daran, den Namen seines Hutmachers oder seinen eigenen zu erfahren, falls er ihn in sein Hutfutter geschrieben hat? Oder ob man etwa dem Schädel Maß nehmen will, um eine lehrreiche Statistik über die Größe der Spielerhirne aufzustellen? Über diesen Punkt hüllt sich die Verwaltung in tiefstes Schweigen. Aber eines muß der Spieler wissen: Sowie er den ersten Schritt zum grünen Tisch getan hat, gehört ihm sein Hut ebensowenig, als er sich selber gehört. Er ist dem Spiel verfallen, er, seine Habe, sein Hut, sein Stock und sein Mantel.

~ Honoré de Balzac, das Chagrinleder, 1831 ~


2004

Facebook wird von Mark Zuckerberg gegründet, der wie Professor Skinner an der Harvard University Psychologie und zudem Informatik studiert. Bevor Facebook zu Facebook wird, beginnt Zuckerberg mit einem Bewertungsportal über die Optik von Frauen. Da er die Bewerteten nicht um Erlaubnis fragt, wird das Portal nach nur wenigen Tagen vom Netz genommen.

Die soziale Plattform wird schnell zum Vorbild für andere und nutzt von Beginn an die Erkenntnisse von Professor Skinner. Wer etwas postet erhält Belohnungen in Form von sozialen Feedback. Facebook wächst rasant. Und wie Professor Skinner es tat, beginnt auch Facebook, seine Nutzer zu vermessen.

2018

Inzwischen leben fast 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Zeitgleich gibt es 6,6 Milliarden Smartphones. Der Social Media Dienstleister Twitter schreibt das zweite Quartal in Folge schwarze Zahlen, zum ersten Mal seit Gründung. Facebook generierte im Vorjahr einen Umsatz von 40,65 Milliarden USD und kann dabei einen Gewinn von 16 Milliarden USD ausweisen. Googles Dachholding „Alphabet Inc“ setzte 2017 110,86 Milliarden USD um. Allein im ersten Quartal 2017 wurden 25 Milliarden USD Gewinn erwirtschaftet. StudiVZ, 4 Jahre lang Marktführer in Deutschland, fällt dem „Winner takes it all“ Prinzip zum Opfer. Alle Nutzer sind zu Facebook umgezogen,weil alle anderen auf Facebook sind. Wie ist es gelungen, ein derart erfolgreiches Netzwerk zu erschaffen?

Grundlage für vieles was Facebook tut, sind Professor Skinners Erkenntnisse. Inzwischen geht die Wissenschaft davon aus, dass die „zufällige Belohnungen„, die Skinner seinen abergläubischen Tauben verabreichte, das Gehirn dazu bringen, ein Muster in den Belohnungen zu suchen, um sie reproduzierbar zu machen. Das Hormon Dopamin spielt dabei eine gewichtige Rolle, so wie bei nahezu allen Suchterkrankungen. Social Media ist eine Droge, die süchtig macht.

Facebook hat seine Nutzergemeinde von 2008 bis 2017 von 100 Millionen auf 2,1 Milliarden aktive Nutzer vergrößert. Twitter rangiert bei 336 Millionen Nutzern, mit steigender Tendenz. Der Mensch ist online. Apps messen Schritte, Pulsschläge und zurückgelegte Entfernungen. Sie erinnern die Menschen wann sie sich sich bewegen soll und belohnen, wenn der italienisch Kurs absolviert wird.

Häufig werden in Computerspielen sogenannte Loot-Boxen eingesetzt, in denen Spieler zufällige Belohnungen gegen Geld erwerben können. Die ersten Länder erkennen diese Spiele als „Glücksspiele“ und streben Verbote an.

Aber auch die Werbung nutzt seit Jahren Skinners Erkenntnisse, um Ihre Produkte an den Mann und die Frau zu bringen.

Die neue Datenschutzgrundverordnung zwingt Blogger dazu, sich mit Datenschutz auseinanderzusetzen und der ein oder andere Kleinstblog wundert sich, wieso Google selbst über verwendete Schriftarten ungefragt Daten sammelt.

Das Thema Datenschutz wird immer bedeutender. Die Firma Cambrigde Analytica ist insolvent. Sie gilt als eine der Haupttreiber der Stimmungsmache in den Sozialen Medien im Rahmen des unerwartet Wahlsiegs von US Präsident Donald Trump. Weltweit scheint es einen „Ruck nach Rechts“ zu geben, die politische Mitte erodiert.

Bei den Menschen wächst das Gefühl von Unsicherheit. Die Digitalisierung schwebt wie ein Damoklesschwert über Unternehmen und Arbeitnehmern, obwohl es vielen Ländern besser geht als nie zuvor. Fakenews, erfundene Nachrichten und Behauptungen, werden zum geflügelten Wort. Sie verbreiten sich vor allem in den Sozialen Medien wie Lauffeuer. Mark Zuckerberg muss vor dem US-Senat zu der Affäre um Cambridge Analytica aussagen. Ihm gelingt es, Facebook von den Anschuldigungen weitesgehend freizusprechen. Die Medien bezeichnen die weihgespülten Fragen als Farce.

Social Media ersetzt

Tageszeitung

Social Media gehört zum Leben dazu wie einst die Tageszeitung. Informationen werden über Facebook und Twitter besorgt. In den USA findet eine Studie heraus, dass 41% der Bürger ihre Nachrichten ausschließlich über Facebook beziehen. Twitter wird von über 60% als Newskanalt benutzt. Alles erfolgt in Echtzeit. Facebook ist, wie seit Gründung versprochen, noch immer kostenlos für seine Nutzer.

Start Ups schießen aus dem Boden und wann immer ein neues Digitales Start Up oder ein Social Media Dienst vor die Presse tritt, wird darüber gesprochen, wie viele Stunden die Menschen in dem Netzwerk verbracht haben. Zeit und Daten sind die Währung des Digitalen.

Erste kritische Nachrichten konzentrieren sich  darauf, wie schädlich dieser Zeitvertreib für den Körper, Seele und Schulnoten ist, finden aber wenig, was Anlass zur Sorge wäre.

Trotzdem: Die Menschen wissen, dass irgendetwas mit ihren Daten passiert. Immer wieder auftauchende Skandale, ständige angepasste AGBs und kritische Stimmen von Datenschützern genügen jedoch nicht, sie von der Nutzung sozialer Medien abzubringen. Whatsapp, Instagram und Facebook werden unbeirrt weitergenutzt. Für die meisten ist der Handel in Ordnung. „Ich habe nichts zu verbergen“ oder „Es ist doch gut, wenn ich Werbung für etwas bekomme, das mich interessiert“ sind gängige Meinungen. Wer das nicht will, soll sich nicht bei Facebook anmelden. Es sind ja schließlich nur Daten und dafür kann man das gesamte Angebot der Plattformen umsonst in Anspruch nehmen.

Das Silicon Valley begehrt auf

Derweil regen sich im Silicon Valley, der Ursuppe des digitalen Datenmeers, Unmutsbekundungen. Irgendwas passiert mit der Welt und die Menschen können es nicht greifen. Aber sie spüren es. Ehemalige Mitarbeiter gewähren Einblicke. Sie bringen zur Sprache, worüber sich niemand Gedanken zu machen scheint. Alles was man sieht, wurde von irgendwem designed. Die Welt ändert sich und die bedeutenste Veränderung der letzten Jahre ist der Wandel der digitalen Kommunikation durch tragbare Telefone, die kaum jemand zum telefonieren nutzt. Eine ganze Reihe von Studien, teilweise von den Social Media Diensten selbst veranlasst, stellt negative Auswirkungen des Konsums fest. Die Struktur der Gehirne verändert sich. Junge Menschen sind anfälliger für Depressionen. Aber es gibt auch gute Nachrichten und jeder erlebt sie: Man kann von überall mit gleichgesinnten in Kontakt treten.

Dennoch raten Leute wie Jaron Lanier, Pionier des Silicon Valley und Erfinder von Begriffen wie „Virtual Reality“ oder „Schwarmintelligenz“, ober Tristan Harris, der für Google Produkte designed hat, dazu, die Sozialen Netzwerke zu verlassen. Harris gründet das „Center for Humane Technology“.

Obwohl alles Wissen der Welt verfügbar ist und die Stimmen der Kritiker lauter werden, hinterfragen die Nutzer die Netzwerke nicht. Kaum jemand fragt sich, womit Facebook, Google, Twitter und alle die anderen ihre Milliarden Umsatz und Gewinn erwirtschaften, wenn die Netzwerke doch kostenlos sind.

„Schopenhauers Spruch: Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will, hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt und ist mir beim Anblick und beim Erleiden der Härten des Lebens immer ein Trost gewesen und eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz.“

Albert Einstein, Mein Weltbild

Für die Nutzer hat sich der Handel „Daten“ gegen „Social Media“ bezahlt gemacht. Vor allem, weil kaum jemand weiß, was mit diesen Daten passiert und was das Problem daran ist, wenn jemand diese erhält. Die Nutzer verbinden die Nutzung ihrer Daten ausschließlich mit Werbung und an diese haben sich alle bereits so sehr gewöhnt, dass niemand sich darüber Gedanken macht.

Für die Social Media Riesen indes sind die Benutzer nichts anderes als ein Produkt. Sie verkaufen die Daten der Nutzer und erhalten dafür Geld. Dabei geben sie sich Mühe, möglichst intransparent dabei zu sein, an wen diese Daten verkauft werden. Und die Unternehmen hegen und pflegen ihre Produkte wie Bauern ihre Kühe. Sie sorgen dafür, dass sie möglichst viel Zeit in ihren Netzwerken verbringen, um ihren wirklichen Kunden den höchstmöglichen Nutzen zu bieten.

Es lässt sich nicht mehr sagen, ob die Designs mit diesem Ziel entwickelt wurden, oder ob sie eher durch Zufall von der Realität ihrer Möglichkeiten überholt wurden. Doch schon die ersten Vorstände von Facebook wussten um die Nützlichkeit von „Dopamin Kicks“, um ihre Nutzer zu binden und Aktivitäten zu erzeugen.

Sie perfektionierten ihre Werkzeuge, die ihnen von Professor Skinner und seinen Nachfolgern zur Verfügung gestellt wurden. Die Unternehmen gehen an die Börse und unterwerfen sich den Regeln des Wettbewerbs und die Regeln des Wettbewerbs fordern Gewinne. Und so erweitern sich die Designs im World Wide Web zu ultimativen Erlebnissen. Themenparks, in denen die Nutzer Stunden ihres Lebens verbringen, indem sie auf Like Buttons und Katzenbilder klicken, während Datenmelkmaschinen jede hinterlassene Spur absaugen. Argumente wie „was jemand postet, muss nicht das sein, was er wirklich denkt“ laufen ins Leere, da niemand rund um die Uhr im Internet jemand anders sein kann, als er ist. Facebook, Google und Twitter machen nicht an der Tür ihres Netzwerks halt. Das Wissen der Unternehmen geht so weit, dass sie die Nutzer besser kennen, als diese sich selbst, da diese ihre Handlungen dauerhaft durch ein unzutreffendes Selbstbild verzerren.

Bald wissen die Unternehmen, auf welchen Websites die Nuzter sind, wie lange sie brauchen einen Text zu lesen und an welcher Stelle sie das Lesen abbrechen. Sie kennen die Stimmung, wissen welche sexuelle Neigung die Nutzer haben, ja sogar welchen Gesichtsausdruck man beim Kauf eines Produkts macht und wie sich die Farbe der Haut dabei verändert. Wie Skinner es bei seinen Hunden getan hat sammeln die Internetriesen Daten und verglichen sie mit denen anderer Menschen, die sich in ähnliche Kategorien einordnen lassen. Die Gaußsche Normalverteilung greift. Wenn 1 Millionen User sich in einem Kontext so verhalten, dann ist es wahrscheinlich, dass auch der 1 Million und erste sich so verhält.

Diese Daten lassen es zu, dass die Menschen zu Reiz-Reaktions-Konsequenz-Handlungen gebracht werden. Die großen Social Media Unternehmen lassen von Algorithmen bestimmen, was die Nutzer sehen und sie messen, auf welche Nachrichten besonders reagiert wird. Stück für Stück bringen sie die Menschen dazu, das zu tun, was sie tun sollen. Die Nutzer bemerken das. Sie wundern sich über weniger Reichweite oder das manche Menschen gar nicht in ihren „Timelines“ auftauchen. Aber niemand fragt nach dem Wieso. Die Algorithmen finden schnell heraus, das vor allem solche Nachrichten Erfolg haben, die negative Emotionen erzeugen. Sie sind billig zu produzieren, kreieren Interaktionen und das schneller und nachhaltiger, als es positive Emotionen tun. Vertrauen zu jemanden aufzubauen, braucht Zeit. Zeit, die den Unternehmen zu teuer ist.

„Ich lache eures freien Willens und auch eures unfreien:

Wahn ist mir das, was ihr Willen heißt,

es gibt keinen Willen.“

Friedrich Nietzsche (Zarathustras heilige Gelächter)

Es dauert nicht lange, bis die Änderungen Einfluss auf die Kommunikation nehmen. Während in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht nur etwa 30% über sich selbst gesprochen wird, senden die Benutzer in den Sozialen Medien zu 80% Ich-tragende Nachrichten ab. Likes und Retweets dienen als Belohnung, die genauso zufällig eintreten, wie Belohnungen eines Spielautomaten. Die Aufenthaltszeiten in den Sozialen Medien werden immer länger.

 

Die Systeme kreieren ihre eigenen Popstars. Sie haben von ihrem Netzwerk gelernt, was gut ankommt und fokussieren sich immer mehr auf diese Themen, wild darauf die Belohnungen einzuheimsen, die das Netzwerk ihnen dafür zuteil werden lässt. Vor allem grobe Töne, obskure Meinungen und Lautstärke zählen. In einer Umwelt, in der Aufmerksamkeit die einzige Währung ist, gewinnen die Lauten und Kontroversen. Verschwörungstheorien gewinnen an Raum. Kaum jemand prüft noch den Wahrheitsgehalt einer Nachricht. Stattdessen entscheiden Likes und Weiterleitungen darüber, was wahr ist. Antisemitismus und Radikalismus sind wieder Salonfähig. Begriffe wie „Shitstorm“ und „Hatespeech“ werden kreiert, um zu beschreiben, was in den Sozialen Medien geschieht.

Abseits des Smartphones stellen sich immer mehr Menschen kleine Mikrofone in ihren Wohnungen auf, mit denen sie sprechen können und die nun auch die Stimmfarbe mit in ihre Algorithmen einfließen lassen können.

Das Geschäftsmodell der Sozialen Riesen zieht vor allem die Aufmerksamkeit jener auf sich, die mit schlechten Nachrichten Geld verdienen. Sie bezahlen für die Daten und nutzen die genauen Vorhersagen, um Produkte zu verkaufen und Stimmungen zu kreieren. Die Sozialen Medien arbeiten daran, die unsichtbaren Zäune an ihren Farmen zu verstärken. Die dabei enstehenden Kollateralschäden stören sie wenig. Mit Verweisen auf Freiheit des Wortes oder der schlichten Tatsache, dass nicht sie es sind, die Hetzen ziehen sie sich aus der Verantwortung. Es gibt vereinzelte Initiativen und immer wieder Löschungen von Kommentaren, aber die Netzwerke haben kein Interesse, ihr gewinnbringendes Modell zu ändern.

Die schon in das Geschäftsmodell eingebauten sozialen Druckfaktoren werden weiter befeuert. Im englischsprachigen Raum kürzt man das Gefühl etwas zu verpassen bald nur noch als FOMO ab – Fear of missing out. Ängst, Soziale Zwänge und soziale Anerkennung für das, was man in den Sozialen Medien macht, fesselt die Menschen, die durch ihre Smartphone rund um die Uhr erreichbar sind. Die Glücksspielmechanik führt dazu, dass sie alle paar Minuten ihre Nachrichten prüfen. Um an ihre Nachrichten zu gelangen, müssen sie den Umweg über den Feed gehen, der ihnen die algorhitmisch aufbereiteten Nachrichten präsentiert.

„Die Freiheit existiert, und auch der Wille existiert; aber Willensfreiheit existiert nicht, denn ein Wille, der sich auf seine Freiheit richtet, stößt ins Leere.“

Thomas Mann

Bei 40% der Deutschen greifen die Mechanismen so stark, dass sie wie Verliebte direkt nach dem Aufwachen zu ihrem Smartphone greifen, um die sozialen Netzwerke zu prüfen. Wenn einmal keine Nachricht da ist, lässt sich ein endloser Feed durchblättern, dessen Unendlichkeit absichtlich so gestaltet wurde, um noch einige Minuten extra herauszuquetschen. Pop-Ups reißen den Nutzer mit voller Absicht aus seiner Tätigkeit heraus und führen ein Gefühl von Dringlichkeit herbei.

Das Gefühlsleben der Menschen wird immer wenig von ihrem direkten Umfeld geprägt. Stattdessen generieren die Nachrichten über das Smartphone die Stimmung. Für jeden wird diese von seinem ganz eigenen Algorithmus gesteuert, der auf die höchste Interaktionsrate schließen lässt. Menschen sitzen in einem Raum, erleben das Gleiche und sind dennoch von den Nachwehen ihres Feeds geprägt. Es kommt zu einer Wahrnehmugsdissoziation zwischen den Menschen.

Das Gefühl gehetzt, unkonzentriert und überladen zu sein kommt immer häufiger vor. Dabei wird dieses Empfinden fast ausschließlich mit dem Berufsleben in Verbindung gebracht. Niemand kommt auf die Idee, es mit dem Design des Internets zu verbinden. Es fragt niemand mehr danach, wessen vorgesetzte Informationen konsumiert werden und was der Absender damit beabsichtigt. Es wird auch zunehmend irrelevant, ob die Nachrichten von Menschen oder kleinen Computerprogrammen zu Bedeutung gelangt sind. Die Menschen reagieren auf die vorgesetzten Nachrichten wie die Versuchstiere in der Skinner-Box. Die Medien beugen sich diesem Druck und berichten ebenfalls über das, was bereits in den Sozialen Netzwerken zur Relevanz geworden ist. Die Leute denken mehr und mehr an das, was sie vorgesetzt bekommen. Sie lassen sich lenken. Sie nehmen es mit nach Hause, auch wenn die Smartphones und Laptops einmal ausgeschaltet sind.

Die Menschen bewerten den Nutzen der Sozialen Medien dennoch weiterhin so hoch, dass sie von einer Nichtnutzung absehen. Es entsteht ein kaum erklärbares Wahrnehmungsgefälle der Umwelt zwischen Menschen die in sozialen Netzwerken sind und solchen, die es nicht sind.

Derweil wird die Gesellschaft in immer schärfere Konturen getrennt, die von den den Nachrichten auf den sozialen Medien gezogen werden.

2033

Autos fahren selbständig auf Wegen, die als die beste Wahl vorgegeben werden. Durch eigene Zahlungsdienstleister haben die Internetriesen umfangreichen Überblick über alle Lebensbereiche. Sobald jemand ein Geschäft betritt, wird sein Gesicht gescannt und der Verkäufer bekommt die relevantesten Informationen, die von den Sozialen Medien zur Verfügung gestellt werden direkt zugespielt, um den Käufer das passende Produkt zur Verkaufen.

Versicherungen, Banken und Arbeitgeber holen sich zuerst Daten bei Facebook, um treffendere Vorhersagen über die Menschen machen zu können. Facebooks Gewinne steigen von Jahr zu Jahr. Auch Twitter wird immer erfolgreicher, seit Personen wie Donald Trump und extreme Parteien an allen Rändern das Netzwerk nutzen. Die Nutzer finden dort entweder ihre Zustimmung, oder haben das Gefühl nicht ausreichend politisch aktiv zu sein, wenn sie sich nicht in Netzwerken gegen die extremen Parteien positionieren. In beiden Fällen gewinnt das Netzwerk, wie die Bank im Spielcasino.

Nachdem zuerst alle Nutzer bei Facebook, Twitter und Co. waren, müssen nun sämtliche Unternehmen nachziehen, denn wer sich nicht auf die Daten der Internetriesen verlässt, wird bald abgehängt. Zu den Kunden gehören freie Unternehmen genauso wie politische Parteien, die nicht länger den Willen des Wählers umsetzen, sondern ihn nach ihren Wünschen formen. Gemäßigte Parteien sind aus der Landschaft verschwunden.

Riesige Trollarmeen sind zur digitalen SA geworden. Sie greifen gezielt Menschen an, die nicht ihre gewünschte Meinung haben und erzeugen Druck und Angst. Die Stimmen der Vernunft werden leiser und leiser. Nachrichten die negative Gefühle erzuegen sind bald die einzigen, die es zu lesen gibt. Die Menschen wählen die Parteien, die sie zuvor über die Sozialen Medien in Stellung gebracht haben. Es entstehen Diktaturen durch sogenannte „Revolutionen von unten“, die in Wahrheit von zahlender Kundschaft der Sozialen Riesen initiiert wurden.

Nachweisbare Fakten werden so lange umgedeutet, bis sie keine Wirkung mehr haben. Es findet kein fruchtbarer Dialog mehr statt.

Die inzwischen perfekt ausgereiften Algorithmen halten die Menschen wie in Käfigen in den Sozialen Medien, wo immer weiter nur die gewünschten Informationen publik gemacht werden. Presse, Meinungen und Gedanken haben sich gleichgeschaltet. Professor Skinners Vision des gelenkten Menschen ist Realität geworden. Die Gesellschaft bewegt sich Jenseits von Freiheit und Würde.


Danke, dass Du diesen Artikel gelesen hast und auf meiner Seite warst. Ich hoffe, er hat Dir gefallen. Falls ja, darfst Du das gerne anderen Menschen mitteilen.

Dieser Artikel wurde maßgeblich inspiriert von Jaron Laniers Buch „10 Gründe, wieso Du deinen Social Media Account sofort löschen musst“, so wie von Tristan Harris Artikel über das Desgin von Social Media und das Video von Joe Edelmann.

Ich habe mich bewusst für eine dystopische Stimmung entschieden, da sie zur aktuellen Zeit passt. Es zeigt sich aber auch, dass es immer mehr Bewusstsein und Gegenbewegungen gibt. Auch Jaron Lanier sagt, dass die Menschen im Silicon Valley keinesfalls böse Leute sind – das Geschäftsmodell sei falsch. Seine Lösung ist eine Bezahlversion. Ich bin mit dieser Umsetzung aktuell unzufrieden. YT bietet bereits eine Werbefreie Bezahlversion an, Facebook überlegt diese ebenfalls. Doch das Bezahlen bedeutet nur, dass ich keine Werbung mehr gezeigt bekomme – nicht, dass keine Daten mehr über mich gesammelt werden. Damit kassieren mich die Unternehmen doppelt ab. Es ist also nötig, bewusst nach Wegen und Lösungen zu suchen, denn vieles was in diesem Artikel auftaucht, ist zwar überspitzt – aber nicht frei erfunden.

 

1 Antwort
  1. Magnus sagte:

    Grossartiger Text!
    In einer Zeit, in dem das Internet als Kommunikationsmedium inzwischen unverzichtbar geworden ist und die Wirtschaft zu grossen Teilen davon abhängt, muss man sich fragen, ob er nicht gesellschaftlich so relevant ist, dass die Kommunen oder der Staat es in Gemeinnützigkeit überführen müsste.

    Ein Ansatz dazu sind Förderprogramme für die Entwicklung von freier Software, so dass Infrastruktur, wie z.B. Kommunikationskanäle ohne finanzielle Misssteuerung entwickelt und betrieben werden können. Also keine kommerziellen Plattformen und Anbieter mehr, sondern freie Software und z.B. genossenschaftlich organisierte Betreiber.

    Danke für diese eindringliche Geschichte!

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.