Was macht einen Konflikt zum Konflikt?


​Die eigentlich erste Regel, die ich über das Schreiben gelernt habe war: „Konflikt, Konflikt, Konflikt.“ James N. Frey schreibt darüber in seinem Schreibratgeber und für mich tat sich eine ganz neue Welt auf. Ich dachte über die Geschichten nach, die ich gelesen und gesehen hatte und stellte fest: Er hat Recht. Überall waren Konflikte.

​So bewaffnet machte ich mich an meine eigenen Geschichten, die aus gutem Grund niemals das Licht der Welt erblickt haben. Das ist schon eine ganze Weile her.

Obwohl ich die Regel kenne und eine Millionen mal gehört, gelesen oder vorgetanzt bekommen habe, finden und fanden sich in all meinen Manuskripten eine ganze Reihe von Szenen, in denen nicht ein einziger Konflikt vorkam. Wie kann das sein? Wieso schreibe ich so etwas, wo ich es doch besser weiß? Und es geht nicht nur mir so, wie ich immer wieder beim lesen einiger Geschichten feststelle.

Okay, ihr streitet – aber um was geht´s hier eigentlich?

​Oft schwingt in den Geschichten ein hintergründiger Konflikt mit, aber in den Manuskriptseiten vor mir ist nichts davon zu sehen. Figuren sitzen, stehen oder liegen  irgendwo und unterhalten sich über die Welt, ihre Freunde und darüber, was sie tun wollen. Öde.

Ganz besonders öde wird es, wenn die beiden Figuren auf ein und derselben Seite stehen. Die sind ja Freunde. Wo soll da der Konflikt herkommen? Es kommt nicht selten vor, dass dann Argumente und Streits vom Zaun gebrochen werden, die eher anstrengend als hilfreich für die Story sind und zudem manche Figuren als streitlüsterne Idioten darstellen.

Zu oft bleiben wir in unseren Konflikten zu vage und distanziert. Das ist etwas, das sich durch einen Großteil der Bücher „junger“ Autoren zieht, auch durch meine eigenen.

Natürlich kann es gewollt sein,  eine Szene ohne Konflikt darzustellen, um den Leser durchatmen zu lassen.  Aber wichtig ist, dass das bewusst geschieht und bewusst ist, wieso wir das machen und was das beim Leser auslöst. Das scheint mir oftmals nicht der Fall zu sein. Meine Creative Writing Lehrer wurden nie müde zu betonen, dass jede Szene einen Konflikt brauche – ich denke aber, da geht es darum, Anfängern diese Regel bewusst zu vermitteln. Später, wenn man das Handwerk beherrscht, hat man mehr Spielräume.

Was ist denn überhaupt ein Konflikt?

Es lohnt sich, mit dieser Frage zu beginnen. Ähnlich wie „Schreib gut“ oder „mache deine Figur symapthisch“ helfen diese Sätze nichts, wenn wir nicht genau verstehen, was sich dahinter verbirgt. Naturgemäß meinen wir, einen Konflikt als solchen zu erkennen, aber wie bei fast allem ist ein literarischer Konflikt nicht genau das gleiche, wie der Streit mit deiner Lebensgefährtin daheim.

​Wer nach dem Thema „Konflikt“ sucht, findet schnell etwas über die vier Konfliktebenen, mit denen der Held sich befassen muss. Ein Konflikt kann global (Natur, Gesellschaft), situativ (Zeitdruck), zwischenmenschlich (durch einen Antagonisten) oder intrapersonal (innerhalb des Protagonisten) sein. Sie erklären das „Wo“ des Konfliktes. Wo findet er statt, von wem wird er ausgetragen. Er sagt aber nicht, was den Konflikt ausmacht.

​In der Soziologie spricht man von verschiedenen Konfliktarten: Motivkonflikte, Zeitkonflikte, Rollenkonflikte, Vermeidungskonflikte, Wertekonflikte, Führungskonflikte, Statuskonflikte. Die Liste ist lang und jeder von uns kommt nach wenigen Minuten grübeln auf seine ganz eigene Liste.

​Wir müssen die Theorie nicht kennen. Wieso? Erkennen wir einen Konflikt nicht, wenn wir ihn sehen? Aber warum? Was ist des Pudels Kern?

Konflikte verständlich machen

​Der gewaltsame Kampf ist das Sinnbild schlechthin. Er ist die Ulitma Ratio des Konfliktes. Gewalt wird in Filmen und Büchern gern genutzt, weil sie sich gut und einfach darstellen lässt. Während innere Konflikte nicht immer verständlich darzustellen sind, ist „Faust in Fresse“ für jeden ein klar erkennbarer Konflikt. Aber ist es tatsächlich ein Konflikt? Was, wenn die beiden, die sich schlagen, das freiwillig tun?

Wie in Fight Club zum Beispiel. Sind die Kampfszenen dort Konflikte? Und darüber hinaus: Ist A) schlägt B) überhaupt „der Konflikt“, oder ist es nur die Art der Figuren, mit einer Situation bzw. einem Konflikt umzugehen? Der Kampf ist nicht der Konflikt, sondern die aktive Handlung der Figur aufgrund eines Konflikts. Die Konfliktlösung, wenn man so will. Dem muss etwas vorausgegangen sein, was die Figur zu dieser Reaktion bewegt.

Wie gut mir ein actionarmer Film gefällt, hängt sehr oft davon ab, wie gut es geklappt hat, die Konflikte erlebbar und spürbar zu machen. Verstehe ich als Leser oder Zuschauer die Motivation und Konflikte nicht – weil sie beispielsweise nicht überzeugend gespielt oder schlecht inszeniert wurden – dann wirkt die Handlung für mich schnell nicht nachvollziehbar. Ein Problem so mancher intellektueller Filme, die es erfordern, dass ich stark bei der Sache bleiben oder den Konflikt abstrahieren muss, was einfach nicht jedermanns Sache ist. Meine ist es oft als nicht.

„Ich weiß nicht, was ein Konflikt ist, aber ich erkenne ihn, wenn ich ihn sehe!“

​Vor kurzem bin ich an einem Autounfall vorbei gekommen. Ein Auto ist bei Rot über die Ampel gefahren. Das klingt erstmal nach einem Konflikt. Aber wieso? Muss das ein Konflikt sein?

​Was, wenn die Person absichtlich über rot gefahren ist? Vielleicht fand sie ihr Auto hässlich? Was, wenn die andere Person auf dem Weg zu einem Treffen war, zu dem sie überhaupt nicht wollte und die sich zudem nichts aus Autos macht?

Haben wir dann noch einen Konflikt? Dann haben wir einen Blechschaden – aber wenn der Blechschaden niemanden stört, ist es kein Konflikt.

​Nehmen wir einmal an, unsere Rotsünderin ist unsere Hauptfigur. Wir wissen zufällig, dass sie eine eloquente Dame besten Alters ist, die sich den Lieblingswagen ihres fremdgehenden Gatten „geliehen“ hat, um ihn absichtlich zu Schrott zu fahren.

Unsere Protagonistin steigt also zufrieden aus dem Auto und freut sich über die qualmende Motorhaube. Selbst wenn ihr Gegenüber meckert und zetert – sie beruhigt den Mann mit dem Hinweis auf die äußerst potente Versicherung ihres Mannes und gibt ihm gleich noch die Visitenkarte eines guten Anwalts mit. Für sie lief alles nach Plan.

Unfall? Sicher. Schaden? Na klar. Konflikt mit dem anderen Autofahrer? Nein. Sie ruft ihren Mann an, um ihm zu sagen, dass sein Lieblingsauto in Schutt und Asche liegt. Vor ihrem inneren Auge malt sie sich bereits sein vom Bluthochdruck rot gefärbtes Gesicht aus.

Er hebt ab, sie erzählt die Geschichte. Er sagt:“Ach Schatz, das macht nichts. Ich mochte den Wagen eh nie und hatte ihn nur in Erinnerung an unseren ersten gemeinsamen Ausflug noch.“ Jetzt hat unsere Protagonistin einen Konflikt. Wieso?

Erwartungen definieren Konflikte

​Für uns Autoren ist auf dem Weg zum Konflikt eine gut ausgearbeitete Figur wichtig. Sie ist das Fundament. Richtigerweise müsstest Du jetzt fragen: Was macht eine gut ausgearbeitete Figur denn aus? Aber das ist eine ganze Reihe eigener Artikel wert.

Sagen wir also, Du hast eine gut ausgearbeitete, dreidimensionale Figur, in die der Leser sich hineinversetzen kann. Das ist schwierig genug, wie ich immer wieder in meinen Manuskripten feststelle. Für die ganze Story hast Du ein Ziel, Motivationen, ein Thema – die ganze Klaviatur.

Wie kommen wir nun zum Konflikt? Wie so oft, hat es sich hier gelohnt, sich mit Robert McKee zu beschäftigen.

Du hast einen Konflikt, wenn Deine Figur etwas erwartet und diese Erwartung nicht eintrifft.  That´s it. Ein paar Beispiele aus bekannten Filmen? Ich wähle absichtlich „kleine“ Szenenkonflikte, da es mir um diese und nicht den ganz großen Storykonflikt geht. Dann wollen wir mal:

​In „China Town“ erwartet Gittes, dass er ins Grundbuchamt geht und dort einfach und problemlos einen Blick ins das Grundbuch werfen kann. Aber der Beamte am Schalter ist ein Korinthenkacker und durchkreuzt seinen Plan. Die Szene wurde mehrfach umgeschrieben, bis der Konflikt passte. Sie gilt heute als ein Musterbeispiel für Konfliktszenen.

Asterix und Obelix erwarten, dass sie das Formular A38 dort bekommen, wo man sie hinschickt. Stattdessen werden sie von einem Beamten zum nächsten geschickt, bis sie fast verrückt werden, jedes Mal in der Erwartung, nun endlich das richtige Formular zu bekommen.

Indiana Jones erwartet, dass sein Sack gefüllt mir Sand die Falle nicht auslöst, wenn er die goldene Statue klaut. Stattdessen wird er von einem riesigen rollenden Felsen verfolgt.

Hierbei ist natürlich festzhalten, dass es immer ein Konflikt ist, wenn das Leben auf dem Spiel steht. Doch das gilt auch nur, wenn A) Deine Figur am Leben bleiben möchte und B) nutzt es sich schnell ab, wenn deine Figuren schlicht in jeder Szene um ihr Leben fürchten müssen. Für eine Figur die gerne sterben möchte, wäre es ein Konflikt am Leben zu bleiben. Vermutlich würde sie allerlei Dinge unternehmen, von denen sie erwartet, dass sie davon stirbt – Du kannst Dir den Konflikt von hier aus ausmalen.

​Luke erwartet, dass der Droide „viel zu klein ist um einfach davon zu laufen“. R2D2 hat aber mehr auf dem Kasten, als Luke erwartet.

​Vincent Vega erwartet in Pulp Fiction, dass er in Butchs Wohnung in Ruhe auf Toilette gehen kann. Doch er wird von diesem erschossen.

​Dr. Kimble erwartet, dass er in „Auf der Flucht“ im Krankenhaus hat Informationen über den Mörder seiner Frau bekommt. Die bekommt er auch, aber er erwartet nicht, dass er auf einen Patienten in Not trifft und ihm sein eigener Altruismus im Weg steht. Er hilft und so fliegt seine Tarnung auf.

Clarice Starling erwartet, dass Hannibal Lecter ihr genauso wenig hilft, wie allen anderen vor ihr. Aber Lecter findet gefallen an Starling. (Ich würde das „positiver Konflikt“ nennen. Aber auf den muss die Figur aber genau so reagieren, wie auf jeden anderen Konflikt! Starling muss improvisieren und sich auf Lecters Spielchen einlassen.)

​Lies Dir schlechte Bewertungen zu angekündigten Blockbustern, Büchern oder Games durch. Viele gründen darauf, dass sie etwas anderes erwartet haben, als sie bekamen – denke nur an Star Wars 8.

Wenn Du als Autor also bewusst mit Erwartungen der Leser an Deine Geschichte spielst (zB bei Fortsetzungen) kann das sehr gut sein. Aber vorsicht, es birgt auch Konfliktpotenzial!

​Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Erwartung, Motiv, innere Einstellungen und Werte

Erwartungen gehen oft mit Motiven, inneren Einstellungen, Werten oder Zielen Hand in Hand. Wenn Du eine Szene mit zwei Freunde hast, die Exposition betreiben, hättest du beispielsweise einen Konflikt, wenn eine Figur davon ausgeht, dass ihr Freund ihr helfen wird, der Freund aber ein moralisches Dilemma hat. Oder er soll sich an eine Absprache halten, hat aber inzwischen etwas besseres zu tun. Oder eine Figur erwartet, die Freundin soll schlicht und ergreifend auf ihrere Seite sein und nicht auf der des Ex-Freundes.

Damit der Konflikt für den Leser klar wird, muss die Erwartungshaltung der Figur erkennbar sein. Das gilt vor allem für zwischenmenschliche Konflikte. Das hilft Dir auch, Deine Figur besser zu verstehen. Denn wenn Du weißt, warum es ein Problem für deine Figur ist, bist du nicht mehr nur an der Oberfläche unterwegs. Gelingt es nicht dieses darzustellen, gelingt der Konflikt nicht.

Damit das gelingt, wurde mir in diversen Creative Writing Schulungen stets eine Abkürzung um die Ohren gehauen: GMC – oder „Goal, Motivation, Conflict“. Dazu schreibe ich im nächsten Blogbeitrag etwas.

Äußere Konflikte hingegen lassen sich relativ leicht darstellen: Ich will durch die Tür und erwarte, dass das klappt. Aber die Tür ist zu. Diese Momente kannst Du nutzen, um dich zu hinterfragen, ob es auch wirklich sinnvoll ist, dass die Figur das erwartet und wieso sie so handelt. Es ist zum Beispiel nicht zu erwarten, dass man mitten in der Nacht durch die nicht verschlossene Vordertür in einen Tresorraum kommt. Funktioniert in vielen Filmen übrigens auch ganz oft umgekehrt: Ich erwarte, dass die Tür abgeschlossen ist, aber sie ist es nicht (UAAAA! MONSTER!EINBRECHER!).

​Von hier aus kann man jetzt noch weiter gehen und sagen: Deine Figur versucht zunächst mit den einfachsten Mitteln, die sie hat, den erwarteten Zustand wieder herzustellen. Das klappt, entgegen ihrer Erwartung auch nicht und so ist die Figur gezwungen, von Mal zu Mal mehr Anstregungen zu unternehmen, um den Status Quo wieder herzustellen.

​Um eine flache Szene aufzupeppen, genügt allerdings ein einfacher und abgeschlossener Konflikt.

Mehr Details zu dieser Art Konflikte zu entwickeln findest Du unter anderem bei Robert McKee in seinem Buch Story.

​Probier es aus. Ich hoffe, es hilft Dir, manche Szenen aufzupeppen.

Vielen Dank für Deine Zeit!

Hat Dir gefallen oder geholfen, was ich geschrieben habe? Könnte das auch andere interessieren? Dann teile meinen Beitrag doch bitte in deinem bevorzugten Netzwerk.

Dieses Blog ist werbefrei und verzichtet auf jede Art von unnötigen Trackings.


Zurück zum Blog

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.