Vorsicht Self Publisher – Lesen auf eigene Gefahr

Mirja S. (24, Name von der Redaktion geändert) reibt sich die Augen. Dunkle Ringe und aufgequollene Tränensäcke sind Zeugen einer kurzen Nacht.

„Es hat mich in den Bann gezogen und ich konnte es die ganze Nacht nicht zur Seite legen. Jetzt bin ich müde.“

Sie gähnt und holt sich einen Kaffee, ehe sie fortfährt: „Früher hatte ich ein, zwei Bücher und habe mir das Lesen eingeteilt. Heute ist mein ganzer Reader voll.“

Fälle wie der von Mirja S. sind keine Seltenheit in Deutschland. Landein, landaus schlagen sich Leser aller Altersgruppen Nächte um die Ohren. Was auf den ersten Satz banal klingt, hat System und ungeahnte Auswirkungen auf unser Zusammenleben.

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Was Dir niemand über Social Media für Autoren verrät

Als Autor ist man viel beschäftigt. Man muss schreiben, revidieren, recherchieren, organisieren und lesen. Nur sind die meisten von uns nicht nur Autor. Manche sind Lehrerin, andere Bänker, wieder andere studieren. Manche haben Elternzeit, andere sind alleinerziehend. Einige sind nicht nur Autor, sondern sogar Selfpublisher. Wieder andere arbeiten bei der Polizei und mindestens eine, so habe ich mir sagen lassen, ist sogar Psychologin.

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Die Diva Inspiration und wo sie zu finden ist

Die Diva Inspiration ist ein Mitglied der Dreifaltigkeit der schreibenden Zunft. Sie ist die gutaussehende Schwester der Schreibblockade. Während erstere ständig im Weg steht, laut dazwischenruft oder mal wieder Kaffee über die Tastatur gekippt hat, hat letztere die Grazie einer Hollywooddiva.

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Augenschelm fragt: Sebastian Fitzek

Liebe Leser,

nach nun fast einem Jahr geht meine erste Staffel von „augenschelm fragt“ zu Ende. Es hat mir viel Spaß gemacht, mit so vielen Autoren zu sprechen, so viel über Ihre Gewohnheiten zu erfahren und zu sehen, wie sie ihrer täglichen Arbeit nachgehen.

Die Interviews waren lehrreich, unterhaltsam und vielschichtig.

Die Idee dieser Serie war es, Neueinsteigern und auch erfahrenen Autoren zu zeigen, dass es „DEN WEG“ für Autoren nicht gibt, dass jeder seine eigenen Pfade austritt um ans Ziel zu gelangen. Als ich diesen Fragebogen entwickelte, hatte ich keine Ahnung, wen ich alles interviewen würde und es hat eine Weile gedauert, bis ich mir ein Herz gefasst habe und auch erfahrene Autoren anschrieb.

Da die meisten Leute aus der schreibenden Zunft wenig Zeit haben, war die Rücklaufquote insgesamt gering. Umso dankbarer bin ich allen, die sich die Zeit genommen haben, mir und euch diese Fragen zu beantworten.

Aus diesem Grund bin ich auch auf mein letztes Interview überaus stolz. Ich bin großer Fan von Sebastian Fitzek und kann an dieser Stelle nur sagen, was für ein angenehmer und netter Zeitgenosse er ist. Es hat mich viel Überwindung gekostet, ihn anzuschreiben und immer wieder zu erinnern (es hat insgesamt über 6 Monate gedauert, bis wir dieses Interview zusammen hatten), aber Sebastian hat wirklich ein Herz für seine Fans und junge Autoren und sollte er irgendwann von mir genervt gewesen sein, so hat er es mich nicht merken lassen 🙂

Ich darf euch heute also ein Interview mit dem aktuellen Krimipreisträger, Bestseller- und möglicherweise aktuell erfolgreichsten deutschen Thrillerautoren anbieten, der über 8 Millionen Bücher in 24 Sprachen verkauft hat.

Viel Spaß beim Lesen!

www.sebastianfitzek.de

Interview

Teil 1: Über Dich

1. Zu Deiner Person: Kannst du vom Schreiben leben? Falls nicht, was
machst Du, außer zu schreiben?

Ich genieße das Privileg, vom Schreiben leben zu können.

2. Wie bist Du dazu gekommen zu schreiben und seit wann schreibst du?

Ich habe Anfang 2000 angefangen und bin seitdem nicht mehr vom Schreiben losgekommen.

3. Seit wann schreibst du mit dem festen Vorsatz, zu veröffentlichten?

Das war von der ersten Zeile an. Ich wollte wissen, ob es mir gelingt, etwas zu Papier zu bringen, das nicht nur mir alleine gefällt.

4. Wie hat Dein Umfeld darauf reagiert?

Zunächst gar nicht, denn ich habe es niemandem erzählt, außer meinen Eltern. Die haben mich allerdings sehr unterstützt.

5. In welchem Genre schreibst Du und was begeistert Dich an diesem Genre?

Ich schreibe Psychothriller. Die menschliche Seele ist für mich wie die Tiefsee, ein Ort, von dem jeder ein Bild vor seinem Auge hat, aber die Wenigsten haben ihn erforscht und niemand kennt all seine Geheimnisse.

Teil 2: Publikation und Marketing

6. Ist Verlagspublikation oder Self-Publishing dein Weg?

Verlag.

7. Wieso hast du dich für diesen Weg entschieden?

Vor elf Jahren war das damals der logische, erste Weg und ich war froh, dass ein Verlag mir eine Chance gab.

8. Wie lange musstest Du warten, bis ein Verlag ein Manuskript von Dir genommen hat?

Drei Jahre.

9. Was sind Deine besten Tipps, um auf einen Roman aufmerksam zu machen?

Alles steht und fällt mit der Geschichte. Natürlich gibt es viele Marketing- und PR-Maßnahmen. Doch als Anfänger bekommt man vom Verlag in der Regel kein Budget dafür. Mein Erstling wurde in einer Auflage von 4000 Stück gedruckt, es gab keine Werbung, keine Interviews bei der Veröffentlichung, keine Lesungen. Hätte sich der Inhalt des Buches nicht herumgesprochen, wäre es im Meer der Veröffentlichungen untergegangen. Natürlich gehört dazu auch sehr viel Glück, aber nichts schlägt jemals die Kraft der Mundpropaganda. Man muss also etwas verfassen, das andere gerne weiterempfehlen. Dazu muss man zunächst ein Buch schreiben, das man selbst gerne lesen will. Ich rate also dazu, nicht beim Schreiben einen „Markt“ im Kopf zu haben, sondern nur die Geschichte, die man unbedingt erzählen will.

10. Wie findest Du Deine Zielgruppe?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Siehe Frage 9.

Teil 3: Gewohnheiten

11. Wie sieht sein gewöhnlicher Schreibtag von morgens bis abends aus?

Ich setze mich um 09.00 Uhr an den Schreibtisch und schreibe so lange es geht.

12. Auf welche Art entwickelst Du eine Idee zu einer Geschichte?

Ich versuche eine lose Idee mit einem etwa 10-seitigen Exposé für mich selbst greifbar zu machen. Dann fange ich an zu schreiben und warte darauf, dass sich die Figuren und die Geschichte verselbständigen.

13. 3-Akte, 5-Akte, 8 Sequenzen. Wie strukturierst Du Deine Geschichte?

Ich tendiere zu einer dreiaktigen Struktur, mache mir über Erzähltheorie aber eher selten Gedanken. Das geschieht meist intuitiv.

14. Wie viele Stunden arbeitest Du pro Woche an Deinem Buch?

Das lässt sich so nicht sagen. Ist eine Lesetour auch Arbeit am Buch? Oder zählt nur das reine Schreiben? Fakt ist: Ich arbeite täglich an einem Buch, auch an Weihnachten, zu meinem Geburtstag, etc. Ohne Ausnahme.

15. Wie oft überarbeitest Du im Schnitt?

Drei Mal.

16. Wie gehst Du bei der Überarbeitung vor? Hast Du ein bestimmtes System?

Ich lese mir die Entwürfe laut vor und versuche die Anmerkungen meiner Lektorinnen so gut es geht zu berücksichtigen.

17. Wie motivierst Du Dich zum Schreiben?

Mit einem guten Buch oder einem Film, der mich inspiriert.

18. An wie vielen Projekten arbeitest du gleichzeitig?

Immer nur an einem Buch.

19. Was sind, aus Deiner Sicht, Deine 3 wertvollsten Gewohnheiten im
Bezug auf das Schreiben?

1. Kontinuität. Viele Menschen denken, ein Buch wird umso besser, je mehr man sich damit Zeit lässt. Sorgfalt ist natürlich eine Grundvoraussetzung, aber gerade bei einem Thriller ist es wichtig, dass man das Timing und sein Figurenpersonal fest im Griff hat. Wenn man nur alle zwei Monate einen Satz schreibt, dann zerfasert die Geschichte. Besser ist es drei Monate am Stück Tag durchzuarbeiten.

2. Pausen einplanen.
Es mag wie ein Widerspruch zu Punkt 1 klingen, aber Kreativität entsteht häufig durch Langeweile. Also mal ganz bewusst das Handy weglegen und irgendwo hinfahren wo nichts los ist. Der Geist beginnt sich erst zu beruhigen, dann zu arbeiten und man kommt auf völlig neue Ideen.

3. Scheuklappen aufsetzen
Wir haben uns diesen Beruf nicht gewählt, um Auftragsproduktionen zu leisten. Wir wollen Geschichten erzählen, jeder aus einem anderen Grund. Es gilt, diesen Grund herauszufinden und ihm treu zu bleiben, egal was andere von einem wollen.

20. Wie viel der Zeit die Du schreibst macht dir Spaß und wie viel ist eher harte Arbeit?

Da Spaß und harte Arbeit kein Widerspruch ist, hält sich das wohl die Waage.

21. Wie lange hast Du an Deinem ersten fertig geschriebenen Roman gearbeitet?

Brutto zwei Jahre, netto vielleicht 4 Monate.
Ich hatte ja noch einen Brotberuf und konnte nur in meiner Freizeit und im Urlaub arbeiten.

Teil 4: Inspirationen

22. Welches Buch über das Schreiben kannst du unbedingt weiterempfehlen?

Die Odyssee des Drehbuchschreibers von Christoper Vogler.

23. Was war der beste Ratschlag, den du im Bezug auf das Schreiben
erhalten hast?

Nie zu glauben, der erste Entwurf wäre bereits perfekt.

24. Welche drei Romane haben dich am meisten inspiriert und warum? 

Diese Frage ist angesichts der Vielzahl der Bücher, die mich beeinflusst haben, nicht zu beantworten. Müsste ich allerdings ein einziges Buch nennen, wäre es „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende, die mir die Welt der Bücher buchstäblich eröffnet hat.

Teil 5: Organisation und Persönlichkeit

25. Welche fünf Eigenschaften sollte ein Autor unbedingt besitzen?

Empathie, Kreativität, Ausdauer, Kritikfähigkeit und einen guten Rücken.

26. Welchen Ratschlag möchtest du jemandem mitgeben, der gerade erst mit dem Schreiben begonnen hat?

Höre erst auf Ratschläge, wenn du mit deinem ersten Entwurf fertig bist.

27. Familie, Arbeit, Studium, Schreiben, Vertrieb der Bücher, Social Media. Der Kalender ist voll, was tust du, um nicht auszubrennen dabei?

Ich lese, verreise gerne und spiele mit meinen Kindern.

Teil 6: Ausblicke und Einblicke

28. Glückwünsch! Du hast eine Fee gefunden und sie erfüllt Dir einen

Rechte des Fotos liegen beim Autor

Wunsch. Einzige Einschränkung, es muss etwas mit Büchern zu tun haben. Was wünschst du dir?

Alle meine Lieblingsautoren noch nicht entdeckt zu haben.

29. Wenn Du eine Sache am Buchmarkt ändern könntest, was wäre das?

Die Schließung lokaler Buchhandlungen.

30. Zum Schluss was Handfestes: Welche Workshops, Lehrgänge, Coverdesigner, Lektoren oder Korrektoren kannst du aus Deiner bisherigen Arbeit empfehlen?

Oh, da würde ich einen Blick in eine meiner Danksagungen empfehlen. Da stehen alle Namen derer, ohne die mein Erfolg nicht denkbar wäre, insbesondere die meiner Lektorinnen Carolin Graehl und Regine Weisbrod. Lehrgänge und Workshops habe ich nie besucht.

Lieber Sebastian, ich danke Dir für die Zeit die Du Dir für dieses Interview genommen hast. Es hat mir viel Spaß gemacht und war eines meiner persönlichen Highlights 2016-2017, dass wir eine ganze zeitlang immer wieder in Kontakt standen.

Ich hoffe, alle angehenden und aktiven Autoren können aus meiner „Augenschelm fragt:“-Reihe etwas mitnehmen. Mein Dank gilt allen, die teilgenommen haben. Wir alle wissen, wie rar gesät die Zeit ist und auch wenn ihr nur die erfolgreichen Anfragen sehr, gingen sehr viele unter oder wurden nicht beantwortet.

Allerdings käme es mir nicht in den Sinn, daraus irgendeinem Autor einen Vorwurf zu machen, schließlich bringen Bücher das Essen auf den Tisch und keine Interviews. Deshalb noch einmal meinen ausdrücklichen Dank an:

Elyseo da Silva, Marcus Johanus, Nike Leonhardt, Markus Heitz, Michaela Stadelmann, Axel Hollmann, Tanja Hanika, Zoë Beck, Mareike Albracht, Sonea von Delvon, Alessandra Reß, Nina C. Hasse, Benjamin Spang, Anja Kiel und Sebastian Fitzek.

Augenschelm fragt: Anja Kiel

Hallo liebe Leser von Augenschelm.de!

Wir kommen zum vorletzten Interview von Staffel 1. Inzwischen habe ich einiges dabei: Thrillerautoren, Kurzgeschichtenautoren, Fanatsyautoren, Fanfiction Autoren, Krimiautoren, Autoren, die historische Romane schreiben, Selfpublisher und Verlagsautoren. Was fehlt noch? Kinderbücher!

Da ich selbst Papa und somit auch Intensivkonsument von Kinderbüchern bin, freue ich mich, Anja Kiel für ein Interview auf meinem Blog gewinnen zu können. Anja Kiel wurde 1973 in Tübingen geboren, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ihre Kinderbücher „Mein Freund, der Superheld“, „Ein Stern für Finja“, die bisher dreibändige Reihe um „Lara und die freche Elfe“ sowie den All-Age-Roman „Die Hüter des Schwarzen Goldes“ findest Du auf allen gängigen Plattformen.

Wenn ihr wissen wollt was Anja Kiel so treibt, könnt ihr das auf www.anjakiel.de  oder bei www.twitter.de/anjakielautorin herausfinden.

Viel Spaß beim Lesen!

Fragen

Teil 1: Über Dich

1. Zu Deiner Person: Kannst du vom Schreiben leben? Falls nicht, was
machst Du, außer zu schreiben?

Meine Familie könnte ich mit dem Schreiben nicht ernähren, auch wenn ich schon ein bisschen was mit meinen Büchern, Lesungen und Schreibwerkstätten verdienen konnte. Aber das Schreiben ist trotzdem mein Hauptberuf. Allerdings nur halbtags. Der Rest der Zeit gehört meiner Familie. Zum Glück bin ich nicht der Alleinverdiener.

2.    Wie bist Du dazu gekommen zu schreiben und seit wann schreibst du?

Ursprünglich hatte ich gar nicht vor, Autorin zu werden, obwohl ich schon immer wie eine Verrückte gelesen habe. Und das Schreiben – ob Tagebuch, Briefe oder Aufsätze für die Schule – hat mir auch Spaß gemacht. Aber da meine Mutter bereits als Autorin arbeitete, wollte ich – natürlich! – lieber etwas anderes machen. Ballerina werden oder Köchin. Auch Buchillustration hat mich gereizt. Aber das hat alles nicht geklappt. Nach dem Studium absolvierte ich dann einige Praktika und bin schließlich in der Redaktion einer Zeitschrift gelandet. 2002 verfasste ich meinen ersten Artikel – und ab da war es um mich geschehen.

3.    Seit wann schreibst du mit dem festen Vorsatz, zu veröffentlichten?

Veröffentlicht hatte ich schon einiges an Artikeln, als meine Mutter (Inge Meyer-Dietrich) auf die Idee kam, mit mir gemeinsam den Urban-Fantasy-Roman „Die Hüter des Schwarzen Goldes“ zu schreiben. Dort werden zwei Kinder in die unterirdische Welt der „Schwarzmännchen“ geholt, um eine uralte Prophezeiung zu erfüllen. Hintergrund war eine Zwergensage aus dem Ruhrgebiet, die eine Rolle in Inges Roman „Plascha“ spielt. Weil ich damals als Gästeführerin auf der Zeche Zollverein in Essen arbeitete und mich dementsprechend viel mit Bergbau und der Welt „unter Tage“ beschäftigte, lag die Idee nahe. Der Roman erschien 2010.

4.    Wie hat Dein Umfeld darauf reagiert?

Für die meisten war es wohl keine große Überraschung. Viele reagierten nach dem Motto „Liegt ja in der Familie“. Mein Leben hat sich aber erst mal kaum geändert, weil ich damals sowieso in Elternzeit war.

5.    In welchem Genre schreibst Du und was begeistert Dich an diesem Genre?

Ich schreibe Kinderbücher, habe mich da aber auf kein bestimmtes Genre festgelegt.

Teil 2: Publikation und Marketing

6.    Ist Verlagspublikation oder Self-Publishing dein Weg?

Bis jetzt ausschließlich Verlagspublikation und momentan sehe ich keinen Grund, das zu ändern.

7.    Wieso hast du dich für diesen Weg entschieden?

Es war für mich der einzige Weg, der in Frage kam. Selfpublishing hatte ja einerseits lange einen nicht ganz so guten Ruf. Andererseits fehlt mir auch das Selbstbewusstsein für Selfpublishing. Und nicht zuletzt profitiere ich als Verlagsautor davon, dass mir Illustratorensuche, Satz, Lektorat etc. abgenommen wird. Das ist nicht unerheblich, wenn nur wenig Zeit zur Verfügung steht.

8.    Wie lange musstest Du warten, bis ein Verlag ein Manuskript von Dir genommen hat?

Das Manuskript zu „Die Hüter des Schwarzen Goldes“ haben wir mehreren Kinderbuchverlagen angeboten, die aber alle vor dem Thema „Ruhrgebiet“ zurückgeschreckt sind. Dann haben wir schließlich Henselowsky Boschmann angefragt, der zwar eigentlich keine Kinderliteratur veröffentlicht, aber gerade an Ruhrgebiets-Themen interessiert ist. Ein paar Monate hat die Suche schon gedauert.
„Lara und die freche Elfe“ hatte ich nur an eine Lektorin bei Ravensburger geschickt, die tatsächlich wenige Tage später begeistert anrief. Das war natürlich toll für eine Anfängerin. Bis das Buch auf den Markt kam, hat es allerdings noch zwei Jahre gedauert.

9.    Was sind Deine besten Tipps, um auf einen Roman aufmerksam zu machen?

Puh, schwierige Frage. Wenn ich sie beantworten könnte, wäre ich vielleicht schon Bestsellerautorin. Sicher ist eine Mischung unterschiedlicher Aktionen gut: Ein schöner Artikel in der lokalen Zeitung mit Foto erhöht zumindest schon mal ein bisschen die Bekanntheit in der eigenen Stadt. Leserunden, etwa auf LovelyBooks oder ähnlichen Plattformen bringen Rezensionen, die häufig zusätzlich bei den Online-Buchhändlern gepostet werden und auf das Buch aufmerksam machen. Lesungen sind auch nicht schlecht. Ich lese allerdings meistens in Schulklassen oder Bibliotheken, wo es dann keine Büchertische mit Kaufexemplaren gibt. Aber ich verteile immer „Autogrammkarten“ mit Infos zu meinen Büchern und hoffe dann, dass das eine oder andere auf einem Wunschzettel landet. Einige Leser konnte ich auch über Social Media gewinnen.

10.    Wie findest Du Deine Zielgruppe?

Die ergibt sich automatisch aus der Art der Geschichte, die ich erzählen will. Im Kinderbuchbereich sind die Protagonisten idealerweise ein bis zwei Jahre älter als die Leser. Um die richtige Sprache zu finden, orientiere ich mich an meinen eigenen Kindern und deren Freunden. Und natürlich lese ich selbst ganz viele Kinderbücher.

Teil 3: Gewohnheiten

11.    Wie sieht sein gewöhnlicher Schreibtag von morgens bis abends aus?

Sobald die Kinder in der Schule sind, setze ich mich an den Schreibtisch. Wenn ich gerade an einem neuen Buch arbeite, lese ich mir meist das zuletzt Geschriebene erst noch einmal durch, bevor ich weitermache. Auch überarbeite ich zwischendurch schon Szenen, bevor das ganze Buch fertig ist. Ich schreibe nicht nur, sondern bereite Lesungen und Schreibwerkstätten vor, recherchiere, telefoniere mit Lektoren oder Illustratoren … Dann ist so ein Vormittag immer schnell vorbei. Nachmittags komme ich kaum zum Schreiben. Und abends bin ich zu müde.

12.    Auf welche Art entwickelst Du eine Idee zu einer Geschichte?

Oft ist da erst mal so eine Grundidee. Die wälze ich manchmal wochenlang im Kopf. Ich mache mir Notizen in ganz normalen Notizbüchern. Hin und wieder fertige ich Mindmaps oder Cluster an oder kleine Zeichnungen. Aber ein festes Konzept habe ich nicht. Es ist auch ein ziemlicher Unterschied, ob ich eine Kurzgeschichte, ein Erstleserbuch oder einen Kinderroman schreibe. Ganz wichtig sind mir aber die Gespräche mit meiner Familie über die Ideen. Da merke ich schnell, wo etwas unlogisch ist oder wie sich etwas weiterentwickeln könnte.

13.    3-Akte, 5-Akte, 8 Sequenzen. Wie strukturierst Du Deine Geschichte?

Ehrlich gesagt halte ich mich nicht an solche Gerüste. Ich weiß meistens im Vorfeld, wie lang ein Text werden darf oder muss. Die Struktur entwickelt sich automatisch mit der Geschichte. Aber ich habe eben auch noch nie einen 500-Seiten-Roman verfasst, bei dem eine feste Struktur sicher wichtig ist.

14.    Wie viele Stunden arbeitest Du pro Woche an Deinem Buch?

Schwer zu sagen. Ich arbeite meistens an mehreren Projekten gleichzeitig. Ich versuche, jeden Tag zwei bis drei Stunden für das Schreiben freizuhalten. Wenn ich unterwegs bin oder die Kinder krank sind, geht das natürlich nicht.

15.    Wie oft überarbeitest Du im Schnitt?

Hab ich noch nie gezählt! So oft wie nötig. Und meistens ist es auch dann noch mal nötig, wenn ich denke, alles sei fertig. Meistens überarbeite ich selbst ein bis zweimal, bevor ich die Texte anderen befreundeten Autoren gebe. Auf der Grundlage von deren Anmerkungen überarbeite ich wieder. Und lese dann noch mehrfach Korrektur, bevor die Texte an den Verlag gehen. Die Lektoren senden mir die Texte mit ihren Anmerkungen zurück, die ich auch entweder umsetze oder ablehne. Am Schluss lese ich die Druckfahnen mehrfach Korrektur.

16.    Wie gehst Du bei der Überarbeitung vor? Hast Du ein bestimmtes System?

Nein. Aber mir hilft es sehr, mir (oder anderen) den Text laut vorzulesen. Dann finde ich meistens noch einiges, das geändert werden muss.

17.    Wie motivierst Du Dich zum Schreiben?

Die knappe Zeit ist meine Motivation.

18.    An wie vielen Projekten arbeitest du gleichzeitig?

Meistens sind es mindestens zwei.

19. Was sind, aus Deiner Sicht, Deine 3 wertvollsten Gewohnheiten im
Bezug auf das Schreiben?

–    Vor dem Einschlafen lesen (schult das Sprachgefühl für das eigene Schreiben)
–    Über das Schreiben sprechen (erhöht den Druck, auch was zu tun)
–    Morgens an den Schreibtisch setzen (einfach machen)

20.    Wie viel der Zeit die Du schreibst macht dir Spaß und wie viel ist eher harte Arbeit?

Es ist harte Arbeit, die mir aber zu neunzig Prozent Spaß macht.

21.    Wie lange hast Du an Deinem ersten fertig geschriebenen Roman gearbeitet?

Der erste Roman („Die Hüter des Schwarzen Goldes“) entstand ja als Gemeinschaftsprojekt mit Inge Meyer-Dietrich. Die Vorarbeit zog sich mit großen Pausen über Monate, wenn nicht Jahre. Richtig geschrieben haben wir ein paar Monate. Wie viele genau, habe ich verdrängt.

Teil 4: Inspirationen

22.    Welches Buch über das Schreiben kannst du unbedingt weiterempfehlen?

Für Kinderbuchautoren empfehle ich:
Silvia Englert: Handbuch für Kinder- & Jugendbuchautoren

23. Was war der beste Ratschlag, den du im Bezug auf das Schreiben
erhalten hast?

Nicht aufgeben! Manchmal kommen die Ideen nur zäh, manche Sätze müssen reifen, viele Texte finden nicht auf Anhieb einen Verlag. Da braucht es Geduld und den Glauben an sich selbst.

24.    Welche drei Romane haben dich am meisten inspiriert und warum?

Ich fürchte, das kann ich nicht an drei Romanen festmachen. Ich finde die Vielseitigkeit von Kinderbuchautoren wie Astrid Lindgren, Michael Ende oder Kirsten Boie bewundernswert. Sicher inspirieren sie mich auch, aber eher indirekt.

Teil 5: Organisation und Persönlichkeit

25.    Welche fünf Eigenschaften sollte ein Autor unbedingt besitzen?

Geduld, Kritikfähigkeit, Beobachtungsgabe, Zuhören können, Fantasie

26.    Welchen Ratschlag möchtest du jemandem mitgeben, der gerade erst mit dem Schreiben begonnen hat?

Zeig deine Texte Experten (zum Beispiel anderen Autoren, nicht nur Freunden und Familie), lass
Kritik auf dich wirken, auch wenn sie dir im ersten Moment ungerecht erscheint.

27. Familie, Arbeit, Studium, Schreiben, Vertrieb der Bücher, Social
Media. Der Kalender ist voll, was tust du, um nicht auszubrennen dabei?

Das Studium liegt ja schon einige Jahre zurück und das Schreiben ist glücklicherweise gleichzeitig mein Beruf. Trotzdem wird es manchmal ganz schön viel. Ich versuche, den Überblick nicht zu verlieren (ich liebe To-Do-Listen!) und mit Sport auszugleichen. Das klappt mal besser, mal schlechter.

Teil 6: Ausblicke und Einblicke

28. Glückwünsch! Du hast eine Fee gefunden und sie erfüllt Dir einen
Wunsch. Einzige Einschränkung, es muss etwas mit Büchern zu tun haben. Was wünschst du dir?

Ich wünsche mir eine zusätzliche Stunde pro Tag, die ich ohne schlechtes Gewissen (und ohne zufallende Augen) für‘s Lesen verwenden darf.

29.    Wenn Du eine Sache am Buchmarkt ändern könntest, was wäre das?

Ich verstehe, dass für Verlage und Buchhandlungen (und letztlich natürlich auch für den Autor) Verkaufszahlen unheimlich wichtig sind. Doch der Markt ist manchmal unbarmherzig schnelllebig. Wenn ein Buch in einer gewissen Zeit nicht so und so oft verkauft wird, wirft man es aus dem Programm, anstatt ihm die Chance zu geben, ein Longseller zu werden. „Stille“ Bücher haben es deshalb heutzutage schwer. Das finde ich sehr schade.

30.    Zum Schluss was Handfestes: Welche Workshops, Lehrgänge, Coverdesigner, Lektoren oder Korrektoren kannst du aus Deiner bisherigen Arbeit empfehlen?

Ich selbst habe keine speziellen Lehrgänge besucht, abgesehen von denen, die direkt mit meiner Ausbildung als Journalistin zu tun hatten. Und als Verlagsautorin bekomme ich Lektoren, Korrektoren und Coverdesigner zugeteilt. Mit meinen bisherigen Illustratoren (Elke Broska, Steffen Gumpert, Nina Dulleck) bin ich sehr glücklich. Aber ob die auch freie Aufträge annehmen?

Liebe Anja, vielen Dank für diese tollen Einblicke in den Alltag einer Kinderbuchautorin. Ich hoffe, Du hattest so viel Spaß beim Antworten wie ich beim Bekommen der Antworten.

Die Rechte der Fotos liegen bei der Autorin.

Wieso Talent für Deine Autorenkarriere nicht entscheidend ist

Talent ist nur große Geduld.

~ Anatole France ~

Ganz leer läßt der liebe Gott keinen ausgehn; die Eltern und Erzieher müssen nur ausfindig machen, wo die Spezialbegabungen liegen.

~ Theodor Fontane ~

Es gibt schlechte Eigenschaften, welche große Talente machen.

~ François VI. Duc de La Rochefoucauld  ~

Das Beste findet sich dort, wo sich Fleiß mit Begabung verbindet.

~ Johannes Keppler ~

 


Daniel Tammet wirkt schüchtern mit seiner Nerdbrille und seinem zu groß wirkenden Mund. Er malt mit seiner Hand unsichtbare Zahlen auf den Tisch und murmelt leise. Dann gibt er seine Antwort und schiebt das verschmitzte Lächeln eines kleinen Jungen hinterher. So beginnt der Film „Brainman“. Tammet sollte die Zahl 37 mit sich selbst multiplizieren und zwar vier mal. Im Kopf.

Tammet ist Autist, ein sogenannter „Savant“. Seit einem Schlaganfall schweren epileptischen Anfall im zarten Alter von drei entwickelte der Junge

Copyright: Death to the Stockphoto

außergewöhnliche Fähigkeiten. Er hat für den Film eine Sprache gelernt, mit der er zuvor nie Kontakt hatte. Isländisch. Zeitrahmen: Eine Woche. Danach konnte er ein Interview im isländischen TV gegeben. In der Landessprache, wohlbemerkt.

Er spricht elf Sprachen und hat eine eigene (Mänti) erfunden. Er hat über Stunden 22.514 Nachkommastellen von PI referiert und damit einen neuen Europarekord aufgestellt.

Tammet gehört zu den wenigen Autisten, die über Ihre Fähigkeiten sprechen können. Wie merkt er sich das alles? Für den Normalsterblichen sind seine Ratschläge wenig hilfreich, denn Tammet ist Synästhet – Zahlen, Wörter, das alles hat für ihn eine Farbe oder Form.

Ohne Zweifel verfügt er über eine außergewöhnliche Begabung, ein schier unglaubliches Talent. Er hat Fähigkeiten, an die Normalsterbliche nicht heranreichen können.

Sie kamen über ihn, mit dem Schlaganfall epileptischen Anfall als Kind. Was ihm auf der einen Seite etwas nahm, verlieh ihm auf der anderen Seite jenen göttlichen Funken, den wir als Talent, Genie oder Hochbegabung verstehen.

Josuha Foer ist Wirtschaftsjournalist. Er gewann 2005 den US Championschip beim“Speed Card“-Wettbewerb, in dem er sich 52 Karten in 1 Minuten und 40 Sekunden merkte. Mit Hilfe sogenannter Mnemotechniken. Dabei behauptet Foer von sich selbst, eher vergesslich zu sein.

Er ist Journalist, aufgewachsen in einer Literatenfamilie als Bruder von Jonathan Safran Foer, den Du vielleicht durch das Buch und den Film „extrem Laut und unglaublich nah …“ kennst.

Foer kritisierte Tammet wegen Ungereimtheiten in seiner Vita. So behauptet Tammet, er könne sich wegen seines Autismus keine Namen merken. Im Jahr 2000 jedoch nahm er unter seinem bürgerlichen Namen „Daniel Corney“ an der Weltmeisterschaft im Gedächtnissport teil – und gewann in der Kategorie „Namen und Gesichter merken“.
Auf seiner Website schrieb Tammet damals, dass er diesen Sieg dem Einsatz von Mnemotechniken zu verdanken hatte – und löschte diese Beiträge später, als er begann sein Savant-Syndrom nach außen darzustellen. Die Inhalte konnte allerdings mit Hilfe von Webarchiven wiederhergestellt werden.

Ist Tammet möglicherweise gar kein Savant? Oder ist er Savant, hat seine unglaubliche Gedächtnisleistung aber dennoch antrainiert? Ich mag das kaum glauben, aber der Disput dieser beiden ist sinnbildlich für das Forschungsfeld der Talente.

Der zwischen ihnen ausgetragene Streit, ob eine Fähigkeit angeboten oder erlernt wurde, teilt die Wissenschaft seit vielen Jahrzehnten.

Aber nicht nur die Wissenschaft. Er teilt auch das Autorenlager.

Ohne Talent kein Buch

Einen Roman zu schreiben ist harte Arbeit. Das wissen wir alle. Wir brauchen Einfälle, Kreativität, Fleiß und wir müssen all unsere Ideen auch so auf Papier bringen, dass sie jemand lesen möchte.

In einem Forum las ich: „Entweder ich habe das Talent, dem Leser Dinge vor dem inneren Auge zu erzeugen, oder nicht. Dann sollte ich aber keine Bücher schreiben.“

Dieser Meinung sind auch 58% meiner Twitterfollower, die zum Großteil aus Autoren bestehen. Nur 37% sind der Meinung, dass Talent durch Übung ersetzbar ist. Überschaubare 5% sind der Meinung, Talent spiele gar keine Rolle

Es scheint kein Weg daran vorbei zu führen: Wenn Du kein Talent hast, wirst Du keinen Roman schreiben. Zumindest keinen, den irgendjemand lesen will.

Wie siehst Du das? Bist Du auch der Meinung, dass Talent Voraussetzung ist?

Das Problem mit dem Talent

Copyright: Deathtothestockphoto.com

Unter meiner Umfrage gab es zahlreiche Wortmeldungen. Viele ergänzten meine Umfrage um den Punkt: „Talent ist nötig, aber ohne Lernen nutzlos.“ Ich habe das nicht ergänzt, da es für eine Twitterumfrage zu lang war. Auf diesen Punkt komme ich später noch.

Was niemand fragte – und das wunderte mich, denn es war die erste Frage, die mir selbst in den Sinn kam – war, was Talent eigentlich bedeutet. Was ich darunter verstünde.

Ein Fußballprofi braucht andere Talente als ein Schachspieler, ein Musiker andere als ein Autor. Ja selbst ein Torwart braucht andere Talente als ein Feldspieler, ein Lehrer andere als ein Verkäufer.

Was ist denn „das Talent“, das man benötigt, um Autor zu sein? Sprachfertigkeiten? Welche davon genau? Ist es wichtig, dass ich möglichst viele Wörter kenne? Ist Imagination vielleicht wichtiger? Hängt das womöglich sogar von dem Genre ab, in dem ich schreibe?

Wie stellt man denn fest, ob jemand Talent besitzt? Am Wordcount? In der Anzahl der Rechtschreibfehler pro Seite? Anzahl der Adjektive? Verkaufte Bücher? Eine Geschichte ohne Logikfehler?

Was in Deinem Kopf ein tolles Bild auslöst, kann an mir spurlos vorbei gehen, folglich würden wir beiden womöglich das Talent ein und desselben Schriftstellers völlig unterschiedlich einschätzen.

Wer entscheidet über Talent?

Ein weiterer wichtiger Faktor ist, wer Dein Talent einschätzt.

Wenn Du Dein laienhaftes Umfeld fragst, ob Du Talent fürs Schreiben hast, werden Dir 80% antworten, dass Du talentiert bist. Fragst Du dagegen Andreas Eschbach oder, Gott hab ihn selig, Marcel Reich-Ranicki, wäre die Einschätzung womöglich anders ausgefallen. Fatal anders.

Es kommt darauf an, wer das Talent misst und wie er es misst. Gibt es eine objektivierbare Antwort darauf? Gibt es einen Talentmesser? Im Zweifel kann nur eine Person, die selbst fähig ist, über andere urteilen. Aber das ist ein Zirkelbezug: Wann ist denn jemand fähig?

Ein Großteil der Autoren meint, Talent sei nötig für das Schreiben. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass alle diese Autoren der Meinung sind, sie selbst besäßen Talent. Andernfalls würden sie es ihrer eigenen Angabe nach keine oder nur schlechte Bücher fabrizieren.

80% der Autofahrer meinen übrigens, sie fahren besser Auto als der Durchschnitt.

Ich freue mich über das gesunde Selbstvertrauen in meiner Zunft. Die Fähigkeit an sich zu glauben, ist in jedem Fall ein Erfolgsfaktor, also bleibt dabei.

Es gibt aber noch ein weiteres Problem wenn Du herausfinden möchtest, wer Talent besitzt.

Ob jemand ein Talent ist oder nicht, lässt sich nur im Nachhinein herausfinden.

Wenn Du Talent hast, wird sich der Erfolg zeigen und wenn du Erfolg hast, dann bist Du talentiert.
Man kann auch sagen: Wenn Du ein Buch geschrieben hast, dann hast du das Zeug zum Autor, weil du ein Buch geschrieben hast.

Das ist tautologisch und hilft Dir nicht dabei, die Frage zu beantworten, ob Du Talent benötigst um ein Buch zu schreiben. Aber es ist exakt der Grund dafür, wieso die meisten Autoren auch der Meinung sind, sie hätten Talent.
Unter Autoren wird Verkaufserfolg sehr häufig nicht mit Talent gleichgesetzt. Teilweise werden kommerziell erfolgreiche Werke und das Talent des Autors eher diametral entgegengesetzt eingeschätzt. Der Trend, das Gespür war lediglich das richtige.

Ich könnte jetzt ketzerisch fragen: Ist das nicht auch ein Talent?

Was also ist Talent?

Von der Etymologie ist Talent erstmal eine Maßeinheit. In der Bibel ist ein Talent eine Menge an Silbermünzen. Also etwas sehr zählbares. Erst im 16. Jahrhundert kam in England der Begriff im Zusammenhang mit Fähigkeiten auf.
Es ist nicht leicht, Talent von Begabung abzugrenzen. Der Forscher Albert Ziegler tat das, indem er ein Talent als jemanden bezeichnete, der „möglicherweise Leistungsexzellenz erzielt“, wohingegen ein Hochbegabter „wahrscheinlich Leistungsexzellenz erzielt“.

Was klar und eindeutig in der Forschung voneinander abgegrenzt wird sind Talente (oder Begabungen) und Leistung. Talentierte Menschen, die Leistungsexzellenz erzielen, werden Experten genannt.

Copyright: Death to the Stockphoto

Der Begabungsforscher William Stern sagte 1916: „Begabungen sind immer Möglichkeiten zur Leistung, unumgängliche Vorbedingungen, sie bedeuten jedoch nicht Leistung selbst.“

Damit hat er eine bis heute gültige Beschreibung dafür geliefert, dass es zwar hilft Talent zu haben, man aber trotzdem am Ende Taxifahrer statt Physiker werden kann (ohne einem Taxifahrer auf die Füße treten zu wollen).
Es sagt aber wenig darüber, was Talent eigentlich ist.

Lange Zeit verortete man Talente in den sogenannten „intellektuellen Begabungen“, also sprachlich, räumlich oder logisch-mathematisch.

Der Wissenschaftler Howard Gardner prägte die Theorie der „multiplen Intelligenzen“, indem er den Begabungsbegriff um weitere Intelligenzen erweiterte, so beispielsweise um emotionale, interpersonale (wie gut kann ich mich in jemanden hineinversetzen), soziale oder köperlich-kinästhetische (Bewegung) Begabung.

Christian Fischer, Begabungsforscher an der Uni Münster, fasst das wohlwollend für uns alle zusammen: „Völlig untalentiert ist niemand.“

Er hat daraus ein Modell entwickelt, das neben dem vorhandenen Potential noch Persönlichkeitsfaktoren (Leistungsmotivation, Selbstregulierung) und Umweltfaktoren (Leistungstraining, Lehrcoching, Familie und Umfeld) ergänzt. Talent, also Anlagen, plus Persönlichkeitsfaktoren plus Umweltfaktoren ergeben Leistungsexzellenz.

Wissen wir jetzt, was ein Talent ist?

Wie misst man Talent?

Es gibt zwei Möglichkeiten. „Klassische“ Intelligenzen werden über einen IQ-Test ermittelt, Untertests ermittelt dann, ob es räumliche oder numerische Hochbegabungen gibt.

Im künstlerischen Bereich ist es schwieriger. Hier werden in der Regel Diagnosen in Wettbewerben oder Audits gestellt. Beispiel hierfür ist das Vorsprechen bei Schauspielern. Nicht selten werden diese Wettbewerbe mit bestimmten Förderungen verbunden, um Anreize zu schaffen, denn: Wer nicht hingeht, geht nicht hin. Es ist schon jetzt völlig klar, dass es viel weniger inneren Schweinehund braucht, sich zwei Stunden in einen großen Raum zu setzen und einen IQ-Test auszufüllen, als vor einer Jury vorzusprechen.

Jetzt stelle man sich einen Schauspieler vor, der alle Fähigkeiten besitzt. Aber er oder sie ist so schüchtern, dass sie sich nicht traut vorzusprechen. Abgesehen davon, dass das für den Beruf des Schauspielers schwierig ist, wenn man nicht vorspricht, würde diese Person niemals als Talent gesichtet werden. Das alleine zeigt schon, wie unterschiedlich die Begabungen sein müssen, die jemand mitbringt.

Für die Kunst gilt: Talent wird nicht gemessen, sondern eingeschätzt. Von anderen, von Lehrern und Ausbildern. In dem unten angehängten Interview sagt Titus Georgi, Schauspieler und Professor, dass es sich um eine höchst subjektive Bewertung handelt, die dadurch abgemildert wird, dass man mehrere Personen in eine Jury setzt. Ein Indikator: „Die Präsenz auf der Bühne.“ Man merkt in dem Interview, wie schwer es ihm fällt, das greifbar zu machen. Ja, was heißt denn „Präsenz auf der Bühne“… Naja, Talent halt.

Aber gibt es noch andere Möglichkeiten?

Ja. Im Sport nutzt man die Möglichkeiten der Technik.

Talent und Gene

Im Sportbereich wurden inzwischen etwa 200 Genvarianten identifiziert, die Einfluss auf die sportliche Leistungsfähigkeit haben könnten. Eindeutig nachgewiesen wurden zwei: ACTN3 und ACE.

Es deutet einiges darauf hin, dass es in vielen Sportarten hilfreich ist, die richtigen genetische Vorbedingungen mitzubringen. So lässt sich zum Beispiel die Muskulatur, die für Schnelligkeit zuständig ist, fast nicht trainieren. Jockeys oder Basketballer brauchen zum Beispiel eine bestimmte Körpergröße.

Aber es geht auch weniger offensichtlich.

Die Volksgruppe der Kalenjin besteht aus etwa 3,5 Millionen Menschen weltweit. Aber sie haben seit 1980 ungefähr 40% aller wichtigen Langstreckenrennen gewonnen. Bis 2016 haben es 17 Amerikaner (von 322 Millionen) geschafft, einen Marathon unter 2:10 Stunden zu laufen. Allein im Oktober 2011 haben 32 Kalenjin diesen Rekord geschlagen.
Es ist ziemlich deutlich, dass diese Volksgruppe eine besondere genetische Veranlagung für den Langlauf besitzt.

Dem entgegengesetzt sei eine Studie des Spaniers Alejandro Lucia von der Universität in Madrid. Er hat 7 Gene von 46 spanischen Athleten betrachtet, die Weltklasseleistungen im Bereich Laufen oder Radfahren erzielten. Die Gene waren unter anderem verantwortlich für einen verbesserten Stoffwechsel und größere Energie-Effizienz in der Muskulatur. Die Theorie: Sollte es nicht wahrscheinlich sein, dass unter Spitzensportlern ein Großteil auf annähernd 100% dieser Genkomponenten kommen muss?

Die besten 20 der 46 Sportler kamen auf einen Anteil von 75% der „optimalen Gene“, der Rest lag darunter. 100% erreichte niemand.

Auf 75% dieses Genprofil kommen aber etwa auch 5,3 Millionen andere, durchschnittliche Spanier, so

Copyright: Death to the Stockphoto

dass Lucia sich zu der Aussage hinreißen ließ: „Ein gesunder, durchschnittlicher Spanier ist nicht durch sein Genprofil begrenzt, bei der Tour de France aufs Podium zu fahren.“

Dazu passt, dass es immer wieder Hochleister gibt, die von sich selbst behaupten, kein Talent zu besitzen. Albert Einstein (ich bin nur sehr neugierig), Jürgen Kohler (Fußball Welt- und Europameister, Champions League Sieger, Deutscher Meister) oder auch Ed Sheeran, der mit jedem neuen Album von Rekord zu Rekord eilt, behauptet, sein Talent betrage „höchstens 30%“.

Doch wie ist das bei Kopfarbeitern? Welche Rolle spielen die Gene hier?

Der IQ gilt gemeinhin bis zu 70% genetisch determiniert.

Aber der Sozialpsychologe James Flynn hat IQ-Test der vergangenen Jahre ausgewertet und ist dabei auf eine

Auffälligkeit gestoßen: Der IQ ist über die Zeit von 100 Jahren im Mittel von 100 auf 130 angewachsen. Die Menschen werden klüger, besagt der „Flynn-Effekt“. Gründe für das Wachstum: Lernstrategien, Wettbewerb, gesundes Essen; Medizin und eine Vielzahl anderer Faktoren.

So gab es mal einen messbaren IQ Unterschied zwischen Männern und Frauen – dieser ist heute in Industrienationen obsolet. Man kann IQ trainieren. Allerdings gibt es ein Plateau – das Skandinavien schon seit einigen Jahren erreicht hat.

Was, wenn nicht die Gene?

Der Schwede Karl Anders Ericsson hat sich in einer heute allgemein anerkannten Studie mit Genies und ihren Lebenswegen beschäftigt. Seine Forschungen führten zu dem Ergebnis, dass jedem noch so Hochbegabten eine Lehrzeit von etwa 10.000 Stunden voraus ging. Das sind etwa 10 Jahre. Erst nach zehn Jahren harter und intensiver Arbeit, wurden herausragende Werke geschaffen – das gilt auch für Mozart, der einfach sehr früh begonnen hat. Ericsson ist der Wegbereiter des „Nuture“-Lagers, also der Idee, dass Genie antrainiert werden kann.

Und er hat gewichtige Argumente.

Genie ist erlernbar, wenn bestimmte Rahmenbedingungen eingehalten werden. Das Stichwort: Deliberate Practice, also die hochkonzentrierte Arbeit außerhalb der Komfortzone.

Ericsson hat eine breite Anhängerschaft und es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass seine Theorie richtig ist.

In Asien wächst eine riesige Anzahl von hochbegabten Spitzenmusikern heran. Dort wird geübt, was das Zeug hält, von Kindesbeinen an. Und viele von Ihnen schaffen es, Exzellenz in ihrem Bereich zu erlangen.

Eines der eingängigsten Beispiele für Ericssons Theorie aber ist der Pädagoge Láslzló Polgár. Polgár hat, von den Werken des Amerikaners John B. Watson inspiriert, ein unglaubliches Langzeitexperiment an seinen eigenen Töchtern durchgeführt. Er war der festen Überzeugung, dass Talent erlernbar sei und hat seinen drei Töchtern das Schachspiel beigebracht, von Kindesbeinen an mit harten, langen Trainings. Er hat sie von der Schule abgemeldet und Zuhause unterrichtet.

Sein Ziel: Seine Töchter zu weltklasse Schachpielerinnen machen.

Alle drei Polgár Schwestern sind heute Schach-Großmeisterinnen und zählen zu den spielstärksten Frauen weltweit.

Vielleicht kann man auch Britney Spears, Michael Jackson oder Justin Timberlake dazu zählen, die seit Kindesbeinen an von ihren Eltern zu Musikern „erzogen“ wurden. Auch von den Venus-Schwestern im Tennis ist bekannt, dass sie gezielt von Ihren Eltern gefördert wurden. Es sei dahingestellt, wie gut es den Kindern letztlich getan hat, aber in dem trainierten Bereich erreichten sie zweifelsfrei eine Exzellenz und Bekanntheit.

Dr. Ingmar Ahl von der Karg-Stiftung für begabte Kinder fasst es so zusammen: „Die Vorstellung, dass ein Genie vom Himmel fällt, ist absoluter Kitsch. Andererseits wissen wir aus der Expertiseforschung sehr genau, dass Übung alleine nicht reicht. Somit sind wir sozusagen auf das verwiesen, was dazwischen liegt.“

Gemeint sind die Persönlichkeitsmerkmale und Umfeldbedingungen. Fairerweise sagt er selbst: „Wir sind uns alle nicht einig, was Begabung eigentlich ist. Wir wissen auch alle nicht, was ein Talent ist.“

Dieser Blogbeitrag fing mit einer harmlosen Idee an und entwickelte sich zu einem 8 Wochen langen Recherchemarathon. Am besten lässt er sich wohl mit den Worten eines weiteren Genies zusammenfassen:

„Da steh´ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“

Brauchst Du nun Talent als Autor?

Wie viel Talent hat J.K. Rowling. Was genau sind ihre Talente? Was sind die Talente von J.R.R. Tolkien, William Somerset Maugham, George R.R. Martin, Charles Dickens, Jo Nesbo?

Ich bezweifle nicht, dass es sich bei ihnen allen um Hochbegabte oder zumindest stark talentierte Menschen handelt, deren am meisten ausgebildeten Talente aber wahrscheinlich in völlig unterschiedlichen Bereichen liegen.

Jo Nesbo beispielsweise war als Finanzanalyst erfolgreich. Er wäre beinahe Profifußballer geworden, hat mit seiner Band mehrere Top10 Platzierungen in den norwegischen Charts und als Autor Millionen Bücher verkauft. Den meisten fällt es schwer, in nur einem Bereich erfolgreich zu sein – es deutet schon darauf hin, dass er eine gewisse Begabung für das hat, was er tut. Oder er hat die richtigen Lerntechniken bzw. das richtige Umfeld. Seine Mutter ist Bibliothekarin.

J.K. Rowling war alleinerziehende Mutter und Sozialhilfeempfängerin, als sie an ihrem ersten Harry Potter schrieb. Welche Fähigkeiten waren da wichtig, um nicht aufzugeben? Ist es entscheidender gewesen, sich gut organisieren zu können, niemals aufzugeben oder war es ihre Fähigkeit, schöne Sätze zu schreiben?

William Somerset Maugham war früh Waise und stotterte als Kind. Sein frommer Onkel steckte ihn von einem Internat in das nächste. Was hat ihn wohl dazu gebracht, beim Schreiben zu bleiben?

Welche Faktoren nun jeden der oben genannten zu einem außergewöhnlichen Autoren gemacht haben, lässt sich nicht sagen. Wir beobachten wieder einmal nur rückwirkend und was wir sehen ist das Ergebnis, nicht aber die Faktoren, die zum Ergebnis geführten haben.

Was also hat Talent für Dich konkret für eine Bedeutung?

Marie von Ebner-Eschenbach sagte dazu: „Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun“.

Es ist schwer bis unmöglich vorherzusagen, welche Eigenschaften zum Erfolg führen. Es lässt sich aber relativ klar sagen, dass intensives Üben dich besser macht. Schaffst Du es, 10 Jahre lang täglich drei Stunden außerhalb Deiner Komfortzone zu lernen, kannst Du zu einem echten Großmeister werden. Darauf deutet alles hin.

Ericsson meint, dass das Lernen das einzig Entscheidende sei. Oft wird kritisiert, dass man ein Kind eben nicht zu etwas zwingen kann, dass es nicht will und von daher kann das Kind in einem erzwungenen Bereich auch keine Expertise entwickeln. Es kann eben nicht jeder alles lernen und ein Genie werden.

Aber wir beschäftigen uns alle freiwillig mit dem Schreiben. Wir machen das, weil irgendetwas bereits in uns ist. Von Kindesbeinen an haben wir Stunden mit Lesen verbracht, der Grundlage fürs Schreiben. Wir haben Fantasie entwickelt, als wir uns in die Geschichten eingelebt haben, haben spielerisch mit Worten gespielt, Filme gesehen und uns in die Welten geträumt.

Selbst jene wie ich, die erst mit über dreißig auf die Idee kommen, ein Buch zu schreiben, haben diese Grundsteine bereits gelegt. Jo Nesbo hat erst mit 37 seinen ersten Roman veröffentlicht.

Vergeude Deine Zeit nicht damit, dich zu fragen ob du Talent hast oder nicht.

Ich sage es kurz: Dein Talent spielt keine Rolle. Wenn Du jetzt hier stehst, Autor bist oder es werden willst, dann hast du den Grundstein bereits gelegt. Dann ist in Dir irgendwas, das raus will.

Talent spielt keine Rolle, weil Du nicht weißt, welches Talent Du für Deine Lebenssituation genau benötigst. Es spielt keine Rolle, weil Du es vielleicht schon besitzt und es lediglich nicht weißt. Talent heißt nicht: Schön schreiben können. Das kann man lernen. Als wir geboren wurden, konnte keiner von uns schreiben.

Wenn Du gerne schreibst und bereit bist, viel Zeit, Geduld und Übung zu investieren, kannst Du ein guter Autor werden.

Nutze das.

Und dann heisst die Devise: Üben, üben, üben. Lerne, hole Dir Feedback. Tausche Dich aus. Notiere Dir Fehler, guck was Du falsch gemacht hast, mach es besser. Schau auf gute Autoren, versuche zu verstehen, was sie getan haben in ihren Büchern. Und dann fang von vorne an. Lies Ratgeber, mach Kurse mit. Finde alles scheiße was dort gelehrt wird und finde deinen eigenen Weg.

Womöglich hilft es auch, Dein erstes Buch nicht zu veröffentlichen. An Scheitern wächst man – gibt Dein Werk an Agenten und Verlage und hole Dir Körbe ab. Wachse daran und mache weiter.

Aber verdammt nochmal: Mach weiter.

Niemand kann sagen, was ein wirklich guter Autor ist. Niemand weiß, welcher der veröffentlichten und erfolgreichen Autoren talentiert ist oder wer einfach viel gelernt hat. Es sind auch nicht alle gleich gut, aber viele sind gut genug um tolle Literatur zu schreiben. Es muss ja auch nicht jeder Cristiano Ronaldo sein. Vielleicht reicht auch Hans Sarpei. Dann kannst du trotzdem vom Schreiben leben und hast eine große Anhängerschaft.

Und dann am Ende, in ein paar Jahren, wenn Du vom Schreiben lebst und die Leute Dich gerne lesen, dann sagen vielleicht einige von ihnen: Du bist ein talentierter Autor. Denn Du hast gute Bücher geschrieben.

 


Danke, dass Du dran geblieben bist. Alle meine Quellen hängen diesem Artikel an. Hörenswert ist dieser Podcast der Volkswagen Stiftung. Für alle, die Lust haben etwas tiefer in die Materie einzutauchen:

Quellen:

https://www.chesspoint.ch/blog/schachgeschichte/das-polgar-experiment

https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article142696789/Warum-der-IQ-der-Menschen-steigt-und-steigt.html

https://www.aponet.de/aktuelles/kurioses/20150413-schulmuffel-lernunlust-ist-zum-teil-vererbt.html

http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/testintelligenzhochbegabt.html

https://www.uni-trier.de/fileadmin/fb1/prof/PSY/HBF/terman.pdf

https://www.uni-trier.de/fileadmin/fb1/prof/PSY/HBF/mindmag79-tgb.pdf

https://www.uni-trier.de/fileadmin/fb1/prof/PSY/HBF/mindmag74-tgb.pdf

https://www.uni-trier.de/fileadmin/fb1/prof/PSY/HBF/mindmag75-tgb.pdf

https://www.uni-due.de/imperia/md/content/dia/mindmag101-tgb.pdf

http://www.deutschlandfunkkultur.de/das-erlernbare-talent.950.de.html?dram:article_id=137876

http://www.zeit.de/2015/44/talent-uebung-musik-lernen-forschung/seite-2

http://www.spektrum.de/news/wenn-krankheit-kreativ-macht/1221371

http://jmg.bmj.com/content/45/7/451.full

http://www.tagesspiegel.de/wissen/ursachen-von-dyslexie-und-dyskalkulie-lesen-rechnen-und-die-gene/10176936.html

http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/636576/artikel_kohler-wird-50_ich-brauche-die-bundesliga-nicht.html

http://www.businessinsider.de/anders-ericsson-how-to-become-an-expert-at-anything-2016-6?r=US&IR=T

http://www.zeit.de/2016/35/sportliches-talent-sport-training-olympia-psyche-erfolg-gene/seite-2

http://www.focus.de/wissen/mensch/psychologie/tid-14115/psychologie-alles-nur-uebung_aid_387226.html

http://www.wiwo.de/erfolg/management/gastbeitrag-was-ist-talent-und-wie-kann-man-es-foerdern/8699514.html

Augenschelm fragt: Benjamin Spang

Langsam geht es mit Staffel 1 meiner Interviews dem Ende entgegen.

Heute habe ich Benjamin Spang interviewt, der sich seinen Traum vom Buch auf unkonventionelle Art erfüllt hat, nämlich durch Crowd Funding.

Sich das Buch von künftigen Leser „vorfinanzieren“ zu lassen ist eine gute Idee, die dem Selfpublisher Überblick verschafft, was er Investieren kann, ohne zu seinem eignen Druckkostenzuschussverlag zu werden. Es ist ein weiteres Zeichen dafür, wie agil und kreativ die Branche ist.

Benjamin schreibt „Dark Fantasy“ mit Steampunkelementen. Sein Buch „Blut gegen Blut“ könnt ihr auf allen gängigen Plattformen erwerben. Teil 2 ist aktuell in Arbeit und wird seine nächste Veröffentlichung werden.

Darüber hinaus ist Benjamin Spang einer meiner Schreibbuddies, ich hatte also schon die Ehre seine Geschichte vor Veröffentlichung testlesen und kommentieren zu dürfen.

Er hat mir noch eine alte Version meines Interviews beantwortet, weswegen heute einige Fragen mehr enthalten sind als sonst.

Ihr könnt (und solltet) Benjamin auf so ziemlich allen Social Media Kanälen folgen, bestimmt auch auf solchen, die es aktuell noch gar nicht gibt. Die wichtigsten habe ich hier für euch zusammengestellt:

Homepage: http://benjaminspang.de/

Twitter

Facebook

Instagram

YouTube

Viel Spaß beim Lesen

Interview mit Benjamin Spang

1. Zu Deiner Person: Kannst du vom Schreiben leben? Falls nicht, was
machst Du, außer zu schreiben?

Leider noch nicht, ich arbeite aber daran ;).
Ich habe einen Brotjob als Mediengestalter, in dem Beruf habe ich
eine Ausbildung gemacht.

2. Wie bist Du dazu gekommen zu Schreiben und seit wann Schreibst du?

Ich war schon immer kreativ. Früher Comics gezeichnet, dann
Computerspiele gebastelt und über ein solches Spieleprojekt dann zum
Schreiben gekommen. Das war so Mitte 2011.

3. Seit wann schreibst du mit dem festen Vorsatz, zu
veröffentlichten?

Ich habe schon immer mit diesem Vorsatz geschrieben :). Ich wollte
schon immer raus in die Öffentlichkeit mit meinen Texten.

4. Wie hat Dein Umfeld darauf reagiert?

Positiv.

5. Ist Verlagspublikatiom oder Selfpublishimg dein Weg?

Selfpublishing.

6. Wieso hast du dich für diesen Weg entschieden?

Weil ich die volle Kontrolle habe und selbst entscheiden kann wo die
Reise hingeht.

 

7. In welchem Genre schreibst Du und was begeistert Dich an diesem
Genre?

Dark Fantasy. Zum einen das düstere, melancholische, was ich schon immer
mehr mochte als Fantasy im Auenland. Und an Fantasy allgemein mag ich, dass
ich mir auch die verrücktesten Dinge ausdenken kann, um den Leser zu
faszinieren.

8. Wie sieht sein gewöhnlicher Schreibtag von Morgens bis abends
aus?

Ich stehe um 5 Uhr morgens auf, schreibe 2 Stunden und begebe mich
dann zu meinem Brotjob.
Nach Feierabend mache ich meist noch Grafik- oder Videoarbeiten.

9. Auf welche Art entwickelst Du eine Idee zu einer Geschichte?

Das passiert ganz unterschiedlich. Filme, Bücher oder Dinge aus dem
Internet. In letzter Zeit habe ich oft auch Nebencharaktere erstellt,
die mir so gut gefallen haben, dass ich weitere Storys mit ihnen
schreiben werde.

10. Wie viele Stunden arbeitest Du pro Woche an Deinem Buch?

10 bis 14 Stunden.

11. Wie oft überarbeitest Du im Schnitt?

Kann ich pauschal nicht sagen, hängt vom Plot, der Erstfassung und
dem Feedback der Testleser ab.

12. Wie wichtig ist für Dich die Struktur Deiner Geschichte?

Sehr wichtig. Der Leser soll sich ja nicht langweilen.

13. 3-Akte, 5-Akte, 8 Sequenzen. Wie strukturierst Du Deine Geschichte?

Ich schreibe nach dem 7-Punkte-System.

14. Welches Buch über das Schreiben kannst du unbedingt
weiterempfehlen?

„Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben“ heißt es glaube ich. Das ist
sehr prakrisch und bietet kompaktes Wissen.

15. Was war der beste Ratschlag, den du im Bezug auf das Schreiben
erhalten hast?

Meine Autorenkollegin Sabine Osman hat mir mal einen Tipp gegeben wie
ich ganz einfach mit Scrivener und dem Tool Sigil ein sauberes Ebook
ausgeben kann. Das hat meine Arbeit enorm erleichtert!

16. Welche drei Bücher haben dich am meisten inspiriert und warum?

Die ersten beiden Bücher der Darkblade-Reihe was meine
Genreausrichtung „Dark Fantasy“ angeht. Ansonsten lese ich auch sehr
viele „psychologische“ Sachbücher zum Thema Kreatives Arbeiten.
Aktuell lese ich die Steve Jobs Biografie. Auch sehr inspirierend!

17. Wie motivierst Du Dich zum Schreiben?

Ich werde irgendwann sterben. Vielleicht schon morgen. Was will ich
dieser Welt hinterlassen? Das motiviert mich. Ich will lieber bekannt
dafür sein, gute Bücher geschrieben zu haben als dafür, viel TV
oder Youtube geguckt zu haben. Für mich ist es keine Option nach der
Arbeit auf die Couch zu fallen und mein Leben an mir vorbeizehen zu
lassen.

18. Wie gehst Du bei der Überarbeitung vor? Hast Du ein bestimmtes
System?

Ich mache alles am Computer. Nach der Erstfassung lasse ich das Manuskipt
erst einmal eine zeitlang liegen und schreibe an einem anderen Projekt
weiter. Dann geht es mit frischen Augen zurück und dann wird Satz für Satz
gelesen und überarbeitet.
Danach folgen Testleserunden mit befreundeten Autoren und „normalen“ Lesern.
Dann wird das Manuskript wieder überarbeutet aufgrund deren Feedback.

19. Wie lange hast Du an Deinem ersten fertig geschriebenen Roman
gearbeitet?

Drei Jahre.

20. Was sind Deine besten Tipps, wenn es darum geht Deinen Roman an
den Mann zu bringen?

Accounts auf Twitter, Facebook, Snapchat, Instagram und Youtube. Und
darüber dann täglich deinen Schaffensprozess und deinen Weg zum
Bestsellerautor dokumentieren.
Content, Content, Content!

21. Mit welchem Romanhelden möchtest Du gerne einen Tag verbringen?

Malus Darkblade. Rumhuren und Brandschatzen.

22. Glückwünsch! Du hast eine Fee gefunden und sie erfüllt Dir
einen Wunsch. Einzige Einschränkung, es muss etwas mit Büchern zu
tun haben.
Was wünscht du dir?

Vom Schreiben leben zu können.

23. Welche fünf Eigenschaften sollte ein Autor unbedingt besitzen?

1. Geduld.
2. Geduld.
3. Geduld.
4.Geduld.
5.Den Willen, hart an sich selbst und dem eigenen Text zu arbeiten.

24. Welchen Ratschlag möchtest du jemandem mitgeben, der gerade erst
mit dem Schreiben begonnen hat?

Lerne dein Handwerk! Gewöhne dir ab, deine Zeit mit TV oder Internet
zu vergeuden.
Beginne gleichzeitig deinen Weg zum Autor via Social Media für die
Öffentlichkeit zu dokumentieren. Dadurch bildest du mit der Zeit
deine eigene Fanbase, die lesen will was du schreibst.

25. Wie findest Du Deine Zielgruppe?

Durch Recherche. Ich schaue mir an, wer das liest, was ich schreiben
will und konzentriere mich dann auf diese Zielgruppe.

26. Familie, Arbeit, Studium, Schreiben, Vertrieb der Bücher, Social
Media. Der Kalender ist voll, was tust du, um nicht auszubrennen
dabei?

Ich liebe das was ich mache. Das bewahrt mich davor. Ich meine jeder
von uns hat 24 Std. Zeit am Tag. Wenn dir das abendliche TV-Programm
wichtiger ist, okay! Du hast dich dafür entschieden.

Mir macht mein Selfpublisher-Dasein zu viel Spaß, um meine Zeit mit
anderem Kram zu verplempern. Ich meine ich sitze gerade im Flugzeug in
den Urlaub, während ich diese Interviewfragen beantworte ;). Solche
Wartezeiten kann man auch immer produktiv nutzen.

Ansonsten natürlich auch wirklicher Urlaub. Wenn ich gleich lande
werde ich auch zwei Wochen nicht schreiben. Aber meine Social Media
Kanäle werde ich weiter bedienen.
Solche Erholungsphasen sind auch wichtig. Wer das ganze Jahr über
100% gegeben hat, darf das :).

27. Wie viel der Zeit die Du schreibst macht dir Spaß und wie viel
ist eher Quälerei?

Das ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Man kann sich selbst
sehr viel Leid ersparen, wenn man vor dem Schreiben ordentlich
plottet! 🙂

28. An wie vielen Projekten arbeitest du gleichzeitig?

Unterschiedlich. Zuletzt an vier gleichzeitig.

29. Was sind, aus Deiner Sicht, Deine 3 wertvollsten Gewohnheiten im
Bezug auf das Schreiben?

1. Meine Routine. Jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen und 2 Std.
schreiben.

2. Meine Ausdauer. Mein Text wird erst veröffentlicht, wenn ich
damit zufrieden bin.

3. Meine Passion zum Marketing. Ich liebe es, meine Bücher zu
vermarkten :).

30. Wie stehst du zu den Begriffe. Autor, Schriftsteller, Hobbyautor?

Die ersten beiden wollen vom Schreiben leben.

31. Wenn Du eine Sache am Buchmarkt ändern könntest, was wäre das?

Puh, da fällt mir grad nix ein. Aber da gibt es bestimmt was :).

32. Zum Schluss was handfestes: Welche Workshops, Lehrgänge,
Coverdesigner, Lektoren und Korrektoren kannst du empfehlen?

Barcamps kann ich empfehlen wie z.B. das Literaturcamp in Heidelberg.
Allgemein auf viele Veranstaltungen gehen wie auch die Frankfurter
Buchmesse und viele Leute kennen lernen! Da gibt es dann auch viele
Workshops usw.

Auch Lektorin Nina C. Hasse kann ich empfehlen. Sie darf aktuell meine
Novellen bearbeiten :).

Lieber Benjamin, vielen Dank für Deine Antworten!

Erzählökonomie: Was Prosa-AutorInnen von Film-AutorInnen lernen können

Hallo liebe Leser,

der folgende Artikel ist ein Gastkommentar von Ron Kellermann und auf Auftakt meiner Zusammenarbeit mit dem Dramaturgieblog filmschreiben.de.

Ich bin dankbar für diese Möglichkeit. Der tiefe Fundus an Wissen, den dieses Blog bereithält ist lesenswert für jeden, der sich mit dem Schreiben beschäftigt, ganz gleich ob es sich dabei um Drehbuch- oder Prosaautoren handelt.

Der Originalartikel erschien am 08. Januar 2017 auf filmschreiben.de

Studium der Philosophie, Germanistik, Medien- und Kommunikationswissenschaften; seit 2001 in der Drehbuchentwicklung (u.a. als Dramaturg und Lektor bei Wüste Film, Hamburg); seit 2004 freiberuflicher Filmdramaturg und Drehbuchdozent; annähernd 300 Dramaturgie-Seminare und Stoffentwicklungs-Workshops; ca. 250 dramaturgische Beratungen von Autorinnen und Autoren; seit 2013 als Senior Consultant Storytelling im Experten-Netzwerk von die firma . experience design, Wiesbaden; Autor des Buches Fiktionales Schreiben – Geschichten erfinden, Schreiben verbessern, Kreativität steigern, Emons Verlag, Köln; sein Buch Das Storytelling-Handbuch: Inhalte professionell entwickeln erscheint im Frühjahr 2017 beim Midas Verlag, Zürich


Eine der Hauptschwierigkeiten beim Entwickeln und Erzählen einer Geschichte besteht darin, aus der riesigen Fülle von Ideen und den Möglichkeiten an Figuren, Konflikten, Handlungen, Themen, Ereignissen, Szenen und Dialogen die „richtigen“ auszuwählen und die „falschen“ wegzulassen. Die Kriterien, an denen sich Autorinnen und Autoren orientieren können, um diese Entscheidungen zu treffen, lassen sich mit dem Begriff Erzählökonomie bezeichnen: Welche dramatischen Elemente braucht eine Geschichte, um erzählt und als bedeutsames Ganzes verstanden zu werden? Und welche nicht?

WELCHE DRAMATISCHEN ELEMENTE BRAUCHT EINE GESCHICHTE, UM ERZÄHLT UND ALS BEDEUTSAMES GANZES VERSTANDEN ZU WERDEN? UND WELCHE NICHT?

Erzählökonomisches Arbeiten unterstützt Autorinnen und Autoren dabei, Klarheit über das zu gewinnen, was sie erzählen wollen, ihre Geschichten effizienter zu entwickeln und sich auf das erzählerisch Notwendige zu fokussieren. Dadurch vermeiden sie, ins Blaue abzudriften und Zeit zu verschwenden, den Erzählfaden zu verlieren und unnötig herumzueiern, die Geschichte irgendwann entsorgen zu müssen oder ein oberflächliches, nichtssagendes Heititeiti zu erzählen, das niemanden interessiert.

Filmisches Erzählen ist in genau diesem Sinne ökonomisch – Ausnahmen bestätigen natürlich das Gegenteil –, da Aus- und Abschweifungen hier schnell dazu führen, dass das Publikum nicht mehr folgen kann, weil es die Geschichte nicht versteht oder schlimmer noch: langweilig findet. Das hat mit den spezifisch filmischen Rezeptionsgewohnheiten und -bedingungen zu tun. Schauen funktioniert anders als Lesen. Man nimmt eine andere Haltung ein. Dennoch ist Erzählökonomie auch für Prosa-AutorInnen ein relevantes Thema.

Ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry drückt sehr schön aus, was Erzählökonomie meint: Perfektion entsteht nicht, wenn nichts mehr hinzuzufügen ist, sondern wenn man nichts mehr entfernen kann.

Dramatische Relevanz
Dieses Zitat ist gewissermaßen das Mantra der Erzählökonomie, deren übergeordnetes Kriterium die sogenannte „dramatische Relevanz“ ist: Welche Elemente sind dramatisch relevant, müssen also erzählt werden, damit die Geschichte Sinn ergibt und verständlich wird? Es gibt einen einfachen Test, um die dramatische Relevanz eines Elements zu ermitteln: Man lässt dieses Element einfach weg und betrachtet die Auswirkungen: Wie verändert sich die Geschichte, wenn ich dieses Element nicht erzähle? Bricht sie zusammen und wird unverständlich, ist das Element dramatisch hochrelevant. Verändert sie sich nicht, ist es dramatisch irrelevant und kann weggelassen werden – egal wie interessant und/oder originell es ist. Denn nicht alles, was interessant und originell ist, muss auch relevant sein. Und dramatische Relevanz sollte immer über der Verliebtheit in die eigenen Ideen stehen:

In writing, you must kill your darlings, soll William Faulkner gesagt haben.

NICHT ALLES, WAS INTERESSANT ODER ORIGINELL IST, MUSS AUCH DRAMATISCH RELEVANT SEIN.

Um über dramatische Relevanz entscheiden zu können, braucht es Kriterien: Nach welchen Kriterien lässt sich entscheiden, welche dramatischen Elemente gebraucht werden, um eine Geschichte zu entwickeln und zu erzählen und welche nicht? Die Spielfilmdramaturgie liefert diese Kriterien für alle drei Dimensionen einer guten Geschichte: der charakterzentrierten Dimension, der konfliktbasierten und der werteorientierten.

Einige der zentralen Werkzeuge und Kriterien werde ich nun vorstellen:

Dramatisches Ziel und dramatische Frage
Wesentliche Voraussetzung für eine aktive Hauptfigur und einen interessanten Konflikt ist das dramatische Ziel der Hauptfigur: Sie will etwas, etwas in der äußeren Welt. Das dramatische Ziel ist ein „äußeres Wollen“. Es ist immer konkret in dem Sinne, dass am Ende der Geschichte eine Situation eintritt, in der eindeutig entschieden wird, ob die Hauptfigur ihr Ziel erreicht oder nicht. Glück kann also nicht das Ziel einer Hauptfigur sein, weil es zu abstrakt ist. Publikum und Leserschaft wissen nicht, wann genau dieser Zustand erreicht ist. Das Glück müsste also konkretisiert werden: Wann genau ist die Figur glücklich – oder glaubt, glücklich zu sein?

NUR WER WEISS, WAS DIE HAUPTFIGUR WILL, KANN WISSEN, WIE SIE HANDELT UND WELCHE IHRER HANDLUNGEN DRAMATISCH RELEVANT SIND

Der Kommissar will den Mörder überführen. Die Liebenden wollen zusammen sein. … In dem Spielfilm LITTLE MISS SUNSHINE – der erzählökonomisch betrachtet nahezu ideal entwickelt ist – wollen Olive und ihre Familie rechtzeitig in Kalifornien ankommen, damit Olive an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen kann.

Nur wer weiß, was die Hauptfigur will, kann wissen, wie sie handelt oder welche ihrer Handlungen für das Erzählen der Geschichte relevant sind.

Aus dem dramatischen Ziel ergibt sich die dramatische Frage, die immer die Grundform hat: Wird die Hauptfigur ihr Ziel erreichen? Sie wird am Ende der Geschichte beantwortet: ja, nein, ja aber, nein aber. Ja, die Hauptfigur bekommt alles, was sie will; nein, sie verliert alles; ja, sie bekommt es, aber anders als sie dachte; nein, sie bekommt es nicht, erhält dafür aber etwas viel Wertvolleres, von dem sie zu Beginn noch gar nichts wusste.

Die dramatische Frage erzeugt den grundlegenden Spannungsbogen einer Geschichte. Der Prozess ihrer Beantwortung hält unser Interesse aufrecht und steigert es nach Möglichkeit sogar. Die Antwort auf sie befriedigt unser Interesse.

Wird der Kommissar den Mörder überführen? Werden die Liebenden zusammenkommen? Wird es Olive und ihrer Familie gelingen, rechtzeitig in Kalifornien anzukommen und den Wettbewerb zu gewinnen?

Im Hinblick auf die Erzählökonomie sind nur die Handlungen dramatisch relevant, die die Hauptfigur ausführt, um ihr Ziel zu erreichen und die damit zur Beantwortung der dramatischen Frage beitragen, kurz: Alles, was die Figur tut, tut sie, um ihr Ziel zu erreichen. Ob sie sich in der Konsequenz ihrer Handlungen ihrem Ziel nähert oder sich von ihm entfernt, spielt dabei keine Rolle. Würde Olives Familie plötzlich eine Bank überfallen, dann könnte das zwar spannend sein, es wäre aber nicht dramatisch relevant, weil der Banküberfall nichts mit ihrem Ziel zu tun hat. Anders wäre es, wenn sie Geld bräuchte, um ihren Weg fortzusetzen, beispielsweise für Benzin.

Geht es um die handlungsbasierte Dimension einer Geschichte, ist die Frage „Versucht die Hauptfigur mit dieser Handlung ihr Ziel zu erreichen?“ also ein wichtiges Kriterium für dramatische Relevanz. Dieser Dimension liegt die Frage „Um was geht es?“ zugrunde. In einer guten Geschichte geht es jedoch nicht nur um etwas, vielmehr erzählt sie auch über etwas. Erst dadurch erhält sie Bedeutung:

Die werteorientierte Dimension
Gute Geschichten sind immer auch Wertediskurse. Sie unterstützen uns dabei, Antworten auf zwei existenzielle Fragen zu finden: „Wie soll ich leben?“ und „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“. Die zentralen dramaturgischen Werkzeuge in dieser Dimension einer Geschichte und damit Kriterien für ihre dramatische Relevanz sind: das inhaltliche Thema, das emotionale Thema, die zentrale Frage und die Aussage einer Geschichte.

GUTE GESCHICHTEN SIND IMMER AUCH WERTEDISKURSE.

Inhaltliches Thema
Inhaltliche Themen können sein: aktive Sterbehilfe, die alternde Gesellschaft, illegale Einwanderung, Drogen, Inklusion, Integration, Gewalt, Spionage, Unterdrückung, Überwachung, Selbstjustiz, Patchwork-Familien, der Kalte Krieg und so weiter. Sie können kultur- und gesellschaftsspezifisch sein. Das Thema „alternde Gesellschaft“ beispielsweise wird in Deutschland immer bedeutender, in Ländern mit jungen Bevölkerungen spielt es hingegen keine Rolle.

Aus dem inhaltlichen Thema ergibt sich die Handlungsebene einer Geschichte. Es kann noch so interessant sein – ohne emotionales Thema, das ihm zugrunde liegt, bleibt es leblos.

DAS INHALTLICHE THEMA KANN NOCH SO INTERESSANT SEIN – OHNE EMOTIONALES THEMA BLEIBT ES LEBLOS.

Emotionales Thema
Zu den emotionalen Themen gehören: Liebe, Freiheit, Selbstbestimmung, Nähe, Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Loyalität, Vertrauen, Sicherheit, Ordnung, Gesundheit, Unversehrtheit, Respekt, Heimat, Identität, Anerkennung und ihre Gegenteile: Hass, Sklaverei, Unsicherheit, Chaos, Fremdbestimmung, Distanz, Einsamkeit, Verrat, Krankheit, Orientierungslosigkeit, Verachtung, Identitätsverlust, Ausgeschlossensein, Ablehnung.

Emotionale Themen sind universell, archetypisch, transhistorisch, transkulturell, funktionieren also unabhängig von Zeit- und (Kultur)raum. Hollywood-Filme sind nicht wegen ihrer Stars oder großen Budgets weltweit erfolgreich, sondern weil sie überall auf der Welt emotional „verstanden“ werden können. Aus dem emotionalen Thema ergibt sich die emotionale oder Beziehungsebene.

Die zentrale Frage
Die zentrale Frage einer Geschichte – nicht zu verwechseln mit der dramatischen Frage – stellt das inhaltliche und das emotionale Thema in Form einer Frage dar, die die Autorin oder der Autor mit der Geschichte beantworten will. Dramatische und zentrale Frage geben einer Geschichte Richtung. Die Antwort auf die zentrale Frage ist die Aussage der Geschichte.

Die Aussage der Geschichte ist das, was dem Publikum mitgeteilt werden soll. Jede Geschichte – sofern sie als sinnvolles Ganzes verstanden wird und alle Fragen, die sie aufwirft, beantwortet – trifft eine Aussage, vertritt also einen bestimmten Standpunkt zu den Themen, über die sie erzählt – ob die Autorin oder der Autor will oder nicht. Denn eine sinnvolle Geschichte ist ein kommunikativer Akt und jedem kommunikativem Akt liegt ein bestimmtes Thema zugrunde, zu dem Stellung bezogen wird.

JEDE GUTE GESCHICHTE VERTRITT EINEN BESTIMMTEN STANDPUNKT ZU DEN THEMEN, ÜBER DIE SIE ERZÄHLT – OB DIE AUTORIN ODER DER AUTOR WILL ODER NICHT.

In LITTLE MISS SUNSHINE geht es auf der Handlungsebene um das inhaltliche Thema Erfolg, um Gewinnen und Verlieren: Die Familie fährt nach Kalifornien, damit Olive den Wettbewerb gewinnt. Ihre Handlungen sind auf dieses Ziel ausgerichtet. Die Beziehungsebene erzählt von den emotionalen Themen Gemeinschaft, Familie, Zugehörigkeit: Zu Beginn der Geschichte ist die Familie kaputt. Nur Olive versteht sich mit allen gut, die anderen wollen nichts mehr miteinander zu tun haben, belügen sich, feinden sich an. Am Ende funktioniert die Familie wieder, ihre Mitglieder halten zusammen und stehen füreinander ein.

Die zentralen Fragen lauten „Was ist ein Gewinner?“ (inhaltliche Ebene), „Was macht eine gute Familie aus?“ (emotionale Ebene) und „Was macht glücklich: Erfolg oder Familie?“ (inhaltliche und emotionale Ebene, aus der sich die Zuspitzung des Wertekonflikts in Form eines Dilemmas ergibt). Die Aussagen des Filmes sind: „Ein Verlierer ist jemand, der so viel Angst vorm Verlieren hat, dass er es noch nicht einmal versucht. Ein Gewinner versucht es, egal ob er erfolgreich und der Beste ist oder nicht“, „Eine Familie funktioniert, wenn ihre Mitglieder zusammenhalten und füreinander einstehen“ und „Familie ist wichtiger als Erfolg“.

Wie hilft mir das alles nun in Sachen dramatische Relevanz? In der werteorientierten Dimension stellt man sich die Frage, ob ein bestimmtes Element die Themen, die zentrale Frage und die Aussage transportiert beziehungsweise spiegelt oder nicht: Transportiert dieses Element das inhaltliche oder das emotionale Thema? Stellt es einen Standpunkt dar? Zeigt es eine andere Perspektive auf? Trägt es zur zentralen Frage und ihrer Beantwortung bei? Lauten die Antworten auf diese Fragen „nein“, kann man auf dieses Element verzichten.

FIGUREN SIND TRÄGER THEMATISCHER STANDPUNKTE.

In der charakterorientierten Dimension helfen diese Werkzeuge (die zwei Themen, die zentrale Frage und die Aussage), die Figuren stimmig und effizient zu entwickeln. Und zwar, indem ihnen bestimmte Standpunkte zugeordnet werden und sie damit thematische Aspekte transportieren: Auf der Beziehungsebene in LITTLE MISS SUNSHINE steht die Mutter für das positive Bild einer funktionierenden Familie („Wir sind eine Familie, und was immer auch geschieht, wir lieben uns, und das ist das allerwichtigste“). Der Sohn steht für die Negation von Familie, indem er mit seinem anfänglichen Schweigegelübde seinen Hauptkanal für Kommunikation verschließt – bis er dann doch irgendwann lauthals zum Ausdruck bringt, was er denkt und fühlt: „Ihr seid nicht meine Familie, ich will überhaupt nicht zu eurer Familie gehören, ich hasse euch: Geschieden, Selbstmord, Bankrott. Ihr seid Verlierer, beschissene Verlierer.“ Womit dieser Dialog nicht nur das emotionale, sondern zugleich das inhaltliche Thema bedient. Das ist gute Dialogarbeit.

Auf der Handlungsebene steht der Vater für das Thema Erfolg: Er hat ein Neun-Stufen-Konzept entwickelt, das garantierten Erfolg verspricht, ist damit jedoch selbst erfolglos. Er denkt an nichts anderes als an Erfolg und er spricht von nichts anderem. Seine Weltsicht ist klar definiert und unterscheidet zwischen „zwei Arten von Menschen: Gewinnern und Verlierern.“ Der Opa und der Onkel stehen für das Thema Verlieren: Der Opa hat in seinem Leben nie etwas auf die Reihe bekommen und fliegt sogar aus dem Pflegeheim. Der Onkel hat seine Liebe, seinen Job, seine Wohnung und seinen sozialen Status verloren und wollte sich deshalb das Leben nehmen.

Dass die Figuren als Familie wieder zusammenwachsen müssen, um glücklich zu werden, ist nicht der Grund, warum sie aufbrechen, warum sie aktiv werden. Aber es ist das, was sie am Ende bekommen: Sie gewinnen sich als Familie wieder, nachdem jeder einzelne zuvor alles verloren hat. Auf diese Weise sind inhaltliches Thema und emotionales Thema, Handlungsebene und Beziehungsebene miteinander verknüpft.

Fehlt Figuren der Bezug zu den Themen, der zentralen Frage und der Aussage einer Geschichte, wirken sie willkürlich und bleiben oberflächlich – egal, wie detailliert ihre Biografie ausgearbeitet ist und ob die Autorinnen und Autoren sogar wissen, welche Zahnpasta ihre Figuren benutzen. Insbesondere hier – in der Figurenentwicklung – sind dramatische Relevanz und Erzählökonomie von großer Bedeutung. Eine Figur zu entwickeln – ihre physiologische, soziologische und psychologische Dimensionen und ihre Biografie – macht zwar Spaß. Es kann aber auch schnell zu einer perfiden Vermeidungsstrategie werden: Man wähnt sich produktiv, tatsächlich vermeidet man jedoch, die Geschichte weiterzuentwickeln. Mit den Kriterien der dramatischen Relevanz können sich Autorinnen und Autoren immer selbst hinterfragen, ob sie gerade produktiv sind oder nur so tun.

FEHLT FIGUREN DER BEZUG ZU DEN THEMEN, DER ZENTRALEN FRAGE UND DER AUSSAGE EINER GESCHICHTE, WIRKEN SIE WILLKÜRLICH UND BLEIBEN OBERFLÄCHLICH.

Inhaltliches Thema, emotionales Thema, zentrale Frage und Aussage sind außerdem wesentliche Elemente der sogenannten Erzählintention. Mit „Erzählintention“ sind folgende Fragen gemeint: Warum will ich dieses Thema bearbeiten, diese Idee entwickeln, diese Geschichte erzählen? Was interessiert mich daran? Welche gesellschaftliche Dimension und Relevanz hat das Thema? Was will ich dem Publikum oder den Lesenden mitteilen? Was sollen sie über das Thema lernen? Woran können sie sich reiben?

Story Molecule: Handlungswelt, Beziehungswelt und Innenwelt
Wie der Charakter einer Figur sich entwickelt ist nachvollziehbar, wenn ihre Entwicklung dynamisch gestaltet ist, sich also Schritt für Schritt vollzieht, und nicht lediglich am Ende behauptet wird. Schritt für Schritt heißt, dass sich Ereignisse in der Außenwelt auf die Innenwelt der Figur auswirken und diese Auswirkungen wiederum rückwirkend die Handlungen der Figur und ihre Beziehungen beeinflussen. Ein hervorragendes Werkzeug, um diese wechselseitige Beeinflussung der drei Welten und Konfliktebenen einer Figur – der äußeren Welt der Handlungen, der emotionalen Welt der Beziehungen und der inneren Welt der Identität – zu gestalten, ist das Story Molecule. Es führt Plot und Figur zu einer dramatischen Einheit zusammen.

GUTE GESCHICHTEN SPIELEN IN DREI WELTEN: DER HANDLUNGSWELT, DER BEZIEHUNGSWELT UND DER INNENWELT.

Visualisiert wird es als drei ineinander liegende Kreise, die jeweils für eine Welt stehen: Der äußere Kreis stellt die äußere Welt dar, der mittlere Kreis die Beziehungswelt und der innere Kreis steht für die innere Welt. Mit dem Story Molecule lassen sich diese drei Welten entwickeln und in Beziehung zueinander setzen. Autorinnen und Autoren können es nutzen, um die Entwicklung ihrer Figur nachvollziehbar und dynamisch zu gestalten. Außerdem können sie mit ihm überprüfen, ob eine Geschichte in allen Welten spielt, eine dieser Welten beispielsweise zu dominant ist oder eine überhaupt nicht erzählt wird, und sie können festlegen, welche Fragen sich in ihnen für das Publikum und die Lesenden stellen: In welchen Welten spielt die Geschichte? Welche Fragen stellen sich in der Außen-, Innen- und Beziehungswelt? Habe ich in einem dieser Bereiche zu viele oder noch keine Fragen? Erzählt meine Geschichte mehr im Äußeren, auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen oder im Inneren der Figur? In welchen Szenen werden diese Fragen thematisiert?

In jeder dieser Welten stellt sich zudem eine richtungsgebende Hauptfrage, die für die dramatische Relevanz von Bedeutung ist. In LITTLE MISS SUNSHINE geht es in der äußeren Welt um die Fragen, ob die Familie rechtzeitig in Kalifornien ankommt und Olive den Wettbewerb gewinnen wird. In der Beziehungswelt lautet die Hauptfrage, ob die Familie wieder zu einer funktionierenden Gemeinschaft wird. In der inneren Welt stellt sich die Frage, ob die Familienmitglieder ihre Abneigungen gegeneinander ablegen, sich wieder vertrauen et cetera. Im Idealfall wirkt sich ein dramatisches Element auf alle drei Welten aus. Denn in gut entwickelten Geschichten wird nicht nur von allen drei Welten erzählt, vielmehr beeinflussen sie sich gegenseitig.

SIND DIE DREI WELTEN STATISCH, GIBT ES IM GRUNDE NICHTS ZU ERZÄHLEN, DANN IST DAS, WAS ERZÄHLT WIRD, LANGWEILIG.

Die dramatische Relevanz kann entsprechend mit folgenden Fragen überprüft werden: Verändert ein Ereignis in der äußeren Welt die Beziehungen der Figur zu anderen Figuren und ihr Innenleben? Wirkt sich eine Veränderung in der Beziehungswelt auf das Innenleben der Figur aus und lässt sie in der äußeren Welt anders handeln? Beeinflusst eine Veränderung in der Innenwelt der Figur ihre Beziehungen zu anderen Figuren und ihr Handeln in der äußeren Welt? Positive Antworten auf diese Fragen verleihen diesen drei Welten Dynamik. Sind sie nicht dynamisch, sondern statisch, gibt es im Grunde nichts zu erzählen, dann ist das, was erzählt wird, langweilig.

Fazit
Erzählökonomie und dramatische Relevanz sind keine Gesetze, denen Autorinnen und Autoren folgen müssen, um am Ende des Tages eine gute Geschichte in Händen zu halten. Sie verbieten nicht, eine Geschichte beliebig auszuschmücken, Anekdoten aus der Vergangenheit einer Figur zu erzählen, Neben- und Umwege zu beschreiten. Allerdings sollte man vorher genau wissen, was die Geschichte tatsächlich braucht, um zu funktionieren und verstanden zu werden.

WENN SICH AUTORINNEN UND AUTOREN NICHT KLAR DARÜBER SIND, WAS SIE EIGENTLICH ERZÄHLEN WOLLEN (UND WARUM), WIE SOLLEN ES DANN DAS PUBLIKUM UND DIE LESERSCHAFT SEIN?

Und hierbei helfen die Kriterien der dramatischen Relevanz. Sie unterstützen Autorinnen und Autoren dabei, eine Geschichte effizient zu entwickeln und fokussiert zu erzählen. Vor allem aber können sie mit ihnen eine größere Klarheit über das gewinnen, was sie erzählen wollen. Und eine solche Klarheit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gute Geschichte. Denn wenn sich Autorinnen und Autoren nicht klar darüber sind, was sie eigentlich erzählen wollen (und warum), wie sollen es dann das Publikum und die Leserschaft sein?

Dieser Text ist in leicht veränderter Form zuerst in der AutorInnen-Zeitschrift Federwelt Nr. 113, August / September 2015 erschienen.

Augenschelm fragt: Nina C. Hasse

Willkommen zum Interview mit der Autorin Nina C. Hasse.

Vor einigen Wochen habe ich auf Twitter gefragt, in welcher Reihenfolge ich die letzten vier Interviews der ersten Staffel von „Augenschelm fragt“ veröffentlichen soll. Hier das Ergebnis:

Die Steampunkpolizistin hat mir Frage und Antwort gestanden.

Nina schreibt Steampunk-Krimis und wurde 1986 in Paderborn geboren, lebt mittlerweile aber in Münster. Den aktuellen Roman »Ersticktes Matt« findest Du als eBook und Taschenbuch auf Amazon, darin geht es um eine Mordserie in einem fiktiven Stadtviertel von New York.

Ein Viertel ohne Hoffnung.
Ein Mörder ohne Skrupel.

New York, 1893.

In den Floodlands, einem Elendsviertel mitten im East River, verfolgt die Polizei ein Gespenst. An jedem Tatort eine weibliche Leiche, eine Schachfigur in der Hand. Das Spiel eines Wahnsinnigen?

Für Remy Lafayette, Gesichtsanalytiker und Berater beim New York Floodlands Police Department, wird die Jagd zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, als seine ehemalige Verlobte in den Sog der Ereignisse gerät.

Ein Steampunk-Krimi aus den Floodlands.

 

Wenn ihr Nina folgen wollt, könnt ihr das auf dem Blog oder bei Facebook, bei Twitter oder bei Instagram.

Fragen

Teil 1: Über Dich

 

1. Zu Deiner Person: Kannst du vom Schreiben leben? Falls nicht, was machst Du, außer zu schreiben?

Nein, vom Schreiben leben kann ich nicht. Mit nur einem veröffentlichten Roman wäre das auch sehr ungewöhnlich. Aber auch in meinem Brotjob bin ich ganz nah am Thema Schreiben dran, da ich als freie Lektorin arbeite. Das macht mir viel Spaß, weil ich so zahlreiche unterschiedliche Texte zu lesen bekomme und Kontakt zu tollen Autoren knüpfen kann – außerdem lerne ich bei jedem Manuskript für mein eigenes Schreiben dazu.

2. Wie bist Du dazu gekommen zu schreiben und seit wann schreibst du?

Im Grunde schreibe ich, seit ich Buchstaben aneinanderreihen kann. Zuerst kurze Tiergeschichten, illustriert
mit aus Zeitschriften ausgeschnittenen Bildern, später machte ich dann einen kurzen Ausflug ins Reich der Fanfiction. Ich stellte jedoch schnell fest, dass ich lieber meine eigenen Figuren entwickeln möchte und habe dann mit etwa 14 Jahren angefangen, an einem ersten „Roman“ zu arbeiten, damals im Genre High Fantasy. Irgendwo müsste ich den noch rumliegen haben, aber ich glaube, ich möchte ihn gar nicht lesen …

3. Seit wann schreibst du mit dem festen Vorsatz, zu veröffentlichten?

Bei jeder angefangenen Geschichte hatte ich diesen Vorsatz – auch wenn ich diese nie zu Ende geschrieben habe. Als ich die Idee zu »Ersticktes Matt« hatte, war es wie bei den Dutzend Mal davor. Doch irgendwann hat mich die Geschichte so gepackt, dass ich gar nicht anders konnte, als sie zu Ende zu schreiben und zu veröffentlichen.

4. Wie hat Dein Umfeld darauf reagiert?

Ich habe das große Glück, eine sehr unterstützende Familie zu haben, die prinzipiell erst einmal alles toll findet, was ich so treibe – zumindest haben sie mich nie Gegenteiliges spüren lassen. Und auch viele meiner Freunde haben mich unterstützt, fragten immer wieder nach, wann sie denn etwas lesen könnten. Das motiviert natürlich sehr.

5. In welchem Genre schreibst Du und was begeistert Dich an diesem Genre?

Es hat lange gedauert, bis ich mein Genre gefunden hatte. Eigentlich ist es mehr ein Genre-Mix aus Steampunk und Krimi. Krimis lese ich schon seit meiner Jugend unwahrscheinlich gerne, und es war immer mein Ziel, selbst einen zu schreiben. Während des Schreibens habe ich allerdings gemerkt, dass mir das reine Krimi-Genre (aktuell) nicht wirklich liegt. Die Mischung mit Steampunk war dann genau das Richtige für mich.

Teil 2: Publikation und Marketing

 

6. Ist Verlagspublikation oder Self-Publishing dein Weg?

Aktuell fühlt sich Self-Publishing für mich richtig an. Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, »Ersticktes Matt« keinem Verlag anzubieten. Ich würde nicht sagen, dass ich keinen Verlagsvertrag unterschreiben würde – da käme es auf die Bedingungen an. Momentan bin ich als Self-Publisher aber ganz zufrieden.

7. Wieso hast du dich für diesen Weg entschieden?

In meinem Nischengenre ist eine Verlagsveröffentlichung eher unwahrscheinlich, nur eine Handvoll Verlage bieten Steampunk überhaupt an. Außerdem genieße ich die Unabhängigkeit und dass ich mich ausprobieren kann, sowohl schreib- als auch marketingtechnisch. Ich muss mit niemandem Rücksprache halten, bin für alles selbst verantwortlich und bekomme hautnah mit, was funktioniert und was nicht. Das gefällt mir sehr.

8. Was sind Deine besten Tipps, um auf einen Roman aufmerksam zu machen?

Mit dem Marketing ist das so eine Sache. Das ist gar nicht so einfach. Ich nutze momentan v.a. Social Media und versuche dort, ganz ich selbst zu sein. Nicht zu verkaufen, sondern Kontakte zu knüpfen, am Leben anderer ein wenig teilzuhaben und andere auch selbst teilhaben zu lassen.

9. Wie findest Du Deine Zielgruppe?

Vornehmlich online über Social Media, aber auch z.B. auf Steampunk-Festivals wie dem Æthercircus oder dem Steampunkspass.

Teil 3: Gewohnheiten

 

10. Wie sieht sein gewöhnlicher Schreibtag von morgens bis abends aus?

Das ist ganz unterschiedlich, da ich freiberuflich tätig bin und mir meine Zeit frei einteilen kann. Ich mache es meistens so, dass ich mich morgens den Lektoraten widme und das Schreiben auf den Nachmittag/Abend schiebe. Morgens bin ich noch nicht wirklich kreativ, da kann ich besser analytisch arbeiten. Abends klappt das mit der Kreativität deutlich besser. Es kann also durchaus auch mal sein, dass ich bis zum Morgengrauen am aktuellen Manuskript sitze – wenn’s gut läuft.

11. Auf welche Art entwickelst Du eine Idee zu einer Geschichte?

Die Ideenfindung dauert bei mir immer recht lange, da ich sie gerne ein wenig „reifen“ lasse. Die ersten Ideen sind meistens Themen, die mich interessieren, zu denen ich dann ein wenig Vorrecherche anstelle. Ich sammele mehrere solche Ideen, z.B. über Brainstorming oder „Was wäre, wenn …“-Fragen, und verknüpfe sie mit Richard Nordens AIM-Technik zu einem groben Netz, aus dem sich eine Geschichte entwickeln lässt. Erst danach beginne ich mit dem Plotten.

12. 3-Akte, 5-Akte, 8 Sequenzen. Wie strukturierst Du Deine Geschichte?

Ich nutze im Grunde drei Strukturen, die ich übereinander lege und kombiniere. Die grobe Planung mache ich in der 3-Akte-Struktur. Dann folgt eine genauere Ausarbeitung mit den 8 Sequenzen. Wenn ich anfange zu schreiben, habe ich einen mehr oder weniger detaillierten Fahrplan, an den ich mich halten kann.

13. Wie viele Stunden arbeitest Du pro Woche an Deinem Buch?

Das ist ganz unterschiedlich, je nachdem wie viel ich im Lektorat zu tun habe. Ich versuche, so viel Zeit wie möglich für das Schreiben abzuknapsen, das klappt allerdings nicht immer, oft genug funkt mir das Leben dazwischen. Meine produktivste Zeit habe ich immer im NaNoWriMo, der jedes Jahr im November stattfindet. Dann sind es meistens so 30 Stunden pro Woche. Das schaffe ich aber nur einmal im Jahr 😉 Im Geiste bin ich während meiner freien Zeit aber sowieso meistens bei meiner Geschichte. Sie wächst also nicht nur, während ich schreibe, sondern auch, wenn ich putze, spazieren gehe oder Einkäufe erledige.

14. Wie oft überarbeitest Du im Schnitt?

Bei „Ersticktes Matt“ waren es sechs Überarbeitungsdurchgänge. Ich vermute, dass es sich beim nächsten Roman bei drei bis vier Mal einpendeln wird.

15. Wie gehst Du bei der Überarbeitung vor? Hast Du ein bestimmtes System?

Das variiert je nachdem, wie gut ich bereits beim Schreiben auf die einzelnen Aspekte geachtet habe. Meistens arbeite ich mich vom Groben ins Kleine. Also erst die gröbsten Schnitzer ausbessern, bis die Geschichte stimmig ist und es hinterher nur noch um den Stil geht.

16. Wie motivierst Du Dich zum Schreiben?

Normalerweise freue ich mich aufs Schreiben, das ist Motivation genug. Wenn es mal nicht gelingen will, helfen mir kleine Rituale. Ich setze mich ins Café, bestelle Cappuccino und ein Stück Kuchen, schalte das Internet an meinem Laptop aus. Dann läuft’s meist ganz von alleine.

17. An wie vielen Projekten arbeitest du gleichzeitig?

Eigentlich immer nur an einem einzigen Roman. Ab und an schiebe ich noch eine Kurzgeschichte oder Novelle ein. Mehrere Romane gleichzeitig könnte ich nicht schreiben. Ich muss das Gefühl haben, ganz in eine Geschichte einzutauchen. Und das kann ich nur, wenn ich in Gedanken nicht noch bei einem anderen Projekt bin.

18. Was sind, aus Deiner Sicht, Deine 3 wertvollsten Gewohnheiten im Bezug auf das Schreiben?

alle Ideen gleich aufzuschreiben
mir vorher Gedanken machen, was für eine Art von Geschichte ich erzählen möchte
Schreiben, auch wenn sich die Muse mal nicht einstellen will

19. Wie viel der Zeit die Du schreibst macht dir Spaß und wie viel ist eher harte Arbeit?

Meistens ist es ein Mix aus beidem. Das Schreiben macht mir Spaß, sonst würde ich es nicht tun. Aber wenn ich drei, vier Stunden am Stück geschrieben habe, merke ich, dass es doch sehr viel Konzentration erfordert.

20. Wie lange hast Du an Deinem ersten fertig geschriebenen Roman gearbeitet?

Etwa fünf Jahre.

Teil 4: Inspirationen

 

21. Welches Buch über das Schreiben kannst du unbedingt weiterempfehlen?

Oh, da gibt es so viele gute … Ich sammle Schreibratgeber und mehr oder weniger wissenschaftliche Lektüre zum Thema Kreativität im weitesten Sinne und finde es sehr spannend, mich mit den Hintergründen der kreativen Arbeit zu beschäftigen.
Aber da ich eines auswählen muss: Ziemlich beeindruckend fand ich Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“, als ich es vor einigen Jahren gelesen habe. Es ist teils Biografie, teils Schreibratgeber. Außerdem ist es äußerst motivierend zu lesen, dass selbst der große Stephen King in seinen jungen Jahren viele Absagen von Verlagen kassierte. (Er hat sie damals alle mit einem Nagel an die Wand gepinnt, um sich selbst zu motivieren und sein Schreiben zu verbessern). Das Buch ist interessant und motivierend – außerdem lernt man ganz nebenbei einiges dazu, das einem bei der eigenen Schreibe behilflich sein kann.

22. Was war der beste Ratschlag, den du im Bezug auf das Schreiben erhalten hast?

»Don’t get it right. Just get it written.« von James Thurber. Als ich diese zwei Sätze gelesen habe, fiel mir das Schreiben plötzlich viel leichter, weil ich wusste: Ich kann alles nochmal ändern, wenn es mir nicht gefällt. Perfektionismus kann sehr lähmend sein.

23. Welche drei Romane haben dich am meisten inspiriert und warum? 

Puh, das sind so viele … Aber ich versuche, mich zu entscheiden. Richtig zum Lesen gekommen bin ich durch
Frances Hodgson Burnetts »Der geheime Garten«. Die mystische Atmosphäre, das reduzierte (und tlw. sehr skurrile) Figurenensemble und die Beschränkung auf einen recht überschaubaren Handlungsort faszinieren mich noch heute. Ansonsten bin ja ein Potterhead, was v.a. daran liegt, dass ich mit Harry aufgewachsen bin und er mein Interesse an phantastischer Literatur geprägt hat. Also steht »Harry Potter« von J.K. Rowling auch ganz oben auf der Liste.
Als drittes nenne ich mal »Kalte Asche« von Simon Beckett, stellvertretend für die David-Hunter-Reihe. Er ist eines meiner Vorbilder in Sachen Spannungsliteratur. Und den zweiten Band der Reihe deshalb, weil mir die Atmosphäre der schottischen Hebrideninsel so gut gefallen hat.

Teil 5: Organisation und Persönlichkeit

 

24. Welche fünf Eigenschaften sollte ein Autor unbedingt besitzen?

Kreativität: nicht den zehntausendsten Aufguss irgendeines Bestsellers zu verfassen
Durchhaltevermögen: wahrscheinlich der wichtigste Punkt. Auch weitermachen, wenn es mal nicht so läuft.
Dickes Fell: schlechte Rezensionen, Leser, die mit der Geschichte nichts anfangen können … Nach Veröffentlichung wird man mit Meinungen zur eigenen Geschichte konfrontiert, die einem nicht gefallen werden. Diese muss man jedoch tolerieren.
Wissensdrang: Die Bereitschaft, auch beim zwanzigsten Buch noch dazuzulernen.
Empathie: um sich in seine Figuren hineinversetzen zu können.

25. Welchen Ratschlag möchtest du jemandem mitgeben, der gerade erst mit dem Schreiben begonnen hat?

Lies und schreib so viel du kannst.

26. Familie, Arbeit, Studium, Schreiben, Vertrieb der Bücher, Social Media. Der Kalender ist voll, was tust du, um nicht auszubrennen dabei?

Mit meinen beiden Katern kuscheln. Nichts entspannt so sehr wie eine schnurrende Katze auf dem Schoß. Oder ich mache einen langen Spaziergang um den Aasee in Münster. Oder statte meiner Lieblingsbuchhandlung einen Besuch ab. Seit Anfang Januar gehe regelmäßig wieder ins Fitnessstudio. Das schafft einen guten Ausgleich.

Teil 6: Ausblicke und Einblicke

 

27. Glückwunsch! Du hast eine Fee gefunden und sie erfüllt Dir einen Wunsch. Einzige Einschränkung, es muss etwas mit Büchern zu tun haben. Was wünschst du dir?

Ich wünsche mir, dass ich alles, was ich lese, besser behalten kann. Mein Gedächtnis ist leider ein Sieb, ich vergesse unwahrscheinlich viel. Es wäre cool, wenn ich Dinge nur einmal lesen müsste, um sie mir zu merken.

28. Wenn Du eine Sache am Buchmarkt ändern könntest, was wäre das?

Ich würde die Akzeptanz der Self-Publisher im (deutschen) Buchmarkt fördern, da ich es schade finde, dass noch immer stark zwischen Verlagsautor und Self-Publisher unterschieden wird. Warum sollten Buchhandlungen z.B. nicht auch qualitativ hochwertige Werke von SPlern verkaufen?

29. Zum Schluss was Handfestes: Welche Workshops, Lehrgänge, Coverdesigner, Lektoren oder Korrektoren kannst du aus Deiner bisherigen Arbeit empfehlen?

Bezüglich der Empfehlungen zu Korrektorat, Lektorat und Coverdesign kann ich leider gar nichts beitragen, da ich mit Leuten aus meinem näheren Umfeld zusammenarbeite, die diese Dienste nicht beruflich anbieten.
Annika Bühnemann bietet z.B. sehr gute Workshops zu verschiedenen Themen an, die sich auf jeden Fall lohnen. Und ich weiß, dass Christin Thomas wunderbare Buchcover entwirft.

Liebe Nina, ich danke Dir für dieses ausführliche Interview und Deine umfangreichen Antworten. Ich hoffe, es hat Dir genauso viel Spaß gemacht wie mir.

Alle Fotos von privat.

Während dieses Artikels habe ich zwei Tassen Kaffee getrunken. Ich freue mich, wenn Du Dich an meinen Unkosten beteiligst.

Wozu ist ein Prolog gut?

Heute geht es um das Thema Prologe, wozu sie gut sind, was einen Prolog kennzeichnet und welche Funktionen sie in einer Geschichte übernehmen können.

Vor einigen Tagen entwickelte sich ein harmloser Tweet zu einer ungeahnten Diskussion.

Dabei ging es um die Frage, ob ich in meine Geschichte einen Prolog einbauen sollte, oder nicht.

Als ich den Tweet schrieb wusste ich nicht, dass Prologe so die Gemüter erhitzen.

Zum ersten mal seit ich schreibe und mich mit Filmen beschäftige, hörte ich, dass Prologe in Schreibratgebern verpönt seien. Möglicherweise habe ich die falschen (oder genau die richtigen) Schreibratgeber gelesen, aber das kannte ich bis dahin nicht. Entsprechend überrascht habe ich reagiert und in mir wuchs der Wunsch, einen Blogbeitrag zu diesem Thema zu verfassen.

Ich beginne zunächst einmal mit der Frage, wieso ich mich, obwohl es zu Beginn nicht vorgesehen war, dazu entschieden habe, einen Prolog in meine Geschichte einzubauen.

Aktuell bin ich etwa in der Mitte meiner Story und stellte fest, dass ich die Motivation meines eignen Helden

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zunehmend unglaubwürdig fand. Ich selbst kannte sie natürlich, aber mir war bewusst, dass es meinen Lesern anders gehen würde. Also entschloss ich mich, einen Prolog voran zu stellen um genau diese deutlich zu machen. Wieso? Weil ein Kern der Motivation in der Kindheit meines Helden liegt, die Geschichte aber in seinem jungen Erwachsenenalter spielt.

Dieses Vorgehen ist nicht selten. Beispiel? Findet Nemo oder auch Batman. Gerade bei letzterem wird das Ereignis in seiner Kindheit immer wieder der eigentlichen Geschichte voran gestellt.

Wieso also sollte das böse sein?

Ich vermute, es liegt daran, dass junge Autoren dazu neigen, zu langsam in die eigentliche Geschichte einzutauchen. Wenn nach einem Prolog noch ein 50 Seiten erster Akt folgen und das Inciting Incident erst auf Seite 70 auftaucht, haben 95% der Leser das Buch gelangweilt zu Seite gelegt.

So weit, so gut. Aber Prologe sind ein Stilmittel, also wann nutzt man sie?

Nach ein wenig Recherche fand ich heraus, wie im deutschsprachigen Raum das Verständnis von Prologen ist und es lautet laut Wikipedia so:

Ein Prolog ist eine Einleitung, Vorrede oder auch ein Vorwort. Bekannt für seine Vorworte war beispielsweise Erich Kästner, der seinen „heiteren Romanen“ für Erwachsene gern ein ausführliches, ironisches und teilweise selbstkritisches Vorwort voranstellte.

Nach dieser Definition stimme ich zu. Einen Prolog, der die Stellungnahme des Autors zum folgenden Text beinhaltet wäre für mich der erste Grund, ein Buch zu Seite zu legen. Das liegt daran, dass ich Unterhaltungsliteratur schreibe.

Das ist aber, zum Glück, keine allgemeingültige Definition.

Dan Wells hat den „Ice Monster Prologue“ sogar zu einem Bestandteil seines 7-Punkte-Systems gemacht. Sein Argument: Den Leser packen und klar machen, das noch etwas kommt, auch wenn die Geschichte jetzt etwas ruhiger wird.

Ich habe meine Definition von Prologen von Ratgebern aus Hollywood. In Filmen sind Prologe ein relativ normales Stilmittel und auf diese Grundlagen möchte ich nun eingehen.

Was macht einen Prolog zu einem Prolog?

Die Grundlegende Struktur eines Prologs liegt darin, dass er

  1. in sich geschlossen ist und
  2. keine kausale Auswirkungen auf die eigentliche Geschichte hat
  3. und somit außerhalb des eigentlichen Plots steht

Das bedeutet – und daher kommt möglicherweise die Ablehnung gegen Prologe – er kann gestrichen werden, ohne

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dass es Auswirkungen auf die eigentliche Geschichte hat. Die Dinge, die in dem Prolog auftauchen, können beispielsweise über Dialoge in die Geschichte eingebaut werden.

Die Struktur kann dabei eine kurze Szene enthalten, etwa wie in „Jäger des verlorenen Schatzes“, in der Indy von einem riesigen Steinball verfolgt wird, oder sie kann einen ganzen Subplot entwickeln.

Beispiel: Rocky 1.

Im Prolog von Rocky 1 passieren eine ganze Reihe Dinge. Wir sehen Rocky, der sich selbst einen Loser nennt, wie er Geld für einen Kredithai eintreibt, Toiletten in einem Boxer-Gym putzt und Schildkröten in einem Zoogeschäft kauft, wo er Adrian trifft und sich in sie verliebt.

Die eigentliche Story beginnt, wenn der Gegner des Schwergewichtschampions Apollo Creed sich die Hand bricht. Statt den Kampf zu vertagen, entscheidet Apollo Creed sich für einen Marketing-Gag und will einem Nobody die Chance geben, gegen ihn anzutreten.

Er sucht sich Rocky aus. Das ist der Auslöser, das Inciting Incident der Story. Alles davor könnte gestrichen werden, aber es hätte erheblichen Einfluss auf unsere Empathie mit der Hauptfigur. In Rocky haben wir eine Vermischung von Akt 1 und Prolog, aber kennzeichnend ist, dass es keinen Kausalzusammenhang gibt.

Das ist auch ein guter Test für jeden ersten Akt, den wir schreiben: Selbst wenn ich mich in Akt 1 befinde, führt das was der Held tut dazu, dass er auf das auslösende Ereignis zusteuert, oder haben wir es mit völlig losgelösten Ereignissen zu tun?

In Alien zum Beispiel haben wir einen ersten Akt, in dem Stimmung, Genre und Thema etabliert werden. Aber alles was passiert, führt direkt zum auslösenden Ereignis. Es kann nicht gestrichen werden, ohne Einfluss auf die Geschichte zu nehmen und ist deswegen ein erster Akt statt eines Prologs.

Welche Funktionen hat ein Prolog?

Robert McKee spricht von 11 unterschiedlichen Funktionen, die ein Prolog erfüllen kann.

1. Er liefert Exposition

Durch einen Prolog kann verhindert werden, dass ungeliebte Flashbacks und lahme Dialoge benötigt werden, in denen sich die Figuren nur Dinge erzählen, die sie ohnehin schon wissen. Klingt logisch? Kommt aber doch immer wieder vor.

Es gibt zwei grundlegende Arten, Exposition in eine Geschichte einzubringen, nämlich

  • so spät wie möglich. Liefere Exposition erst, wenn das Publikum sie unbedingt braucht
  • wenn du sie bringst, dann liefere sie dramatisch, damit das Publikum gar nicht merkt, dass du gerade Exposition ablieferst.

Gelingt beides nicht ohne dass Du die gesamte Story umschreiben musst, könnte ein Prolog die Lösung sein.

So kann eine früh aufbereitete Exposition durch die ganze Story hindurch scheinen, ohne jemals wieder erwähnt zu werden. Beispielsweise wäre jedem klar ist, dass ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit dem Protagonisten noch heute Probleme bereitet. Der Film Copykill beginnt mit dem Mordanschlag auf die Protagonistin und er ist der Grund dafür, dass sie später das Haus nicht mehr verlässt.

2. Stimmung erschaffen

Durch den Prolog kann eine grundlegende Stimmung geschaffen werden. So kann bei einem Stück, das als Komödie startet, aber durchaus etwas derber ist, schon im Prolog klar machen: Hier wird niemandem weh getan, du darfst

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lachen, auch wenn das manchmal böse aussieht. Schon Shakespear nutzte in The Taming of the Shrew diese Technik.

3. Ein einzigartiges Setting etablieren

Manche Geschichten spielen in einer gewöhnungsbedürftigen Umgebung. Das können Traumwelten sein, Fabelwelten oder andere fremdartige Umgebungen, die dem Zuschauer nicht auf Anhieb zugänglich sind. Um das Setting zu etablieren, kann der Prolog herhalten.

4. Variabilität einführen

Beispiel Casablanca. Die ersten 30 Minuten des Films sind Prolog, bevor das auslösende Ereignis eintritt. Diese 30 Minuten liefern Action, politisches Drama, komödiantische Elemente bevor schließlich die eigentliche Love Story beginnt. Es ist klar, dass diese Story mehrere Elemente enthält.

5. Interesse wecken

Wie im Ice Monster Prolog angeführt. Interesse beim Zuschauer wecken für das, was noch kommt.

6. Rekapitulieren

Wird eigentlich nur bei horizontal erzählten Serien verwendet, wie beispielsweise 24 oder Revenge. Beginnt mit dem allseits bekannten „was bisher geschah“. Für Romane eher ungeeignet, wobei bei Tad Williams Shadowmarch-Serie eine solcher Prolog vorangestellt wurde, um das bisher geschehene noch einmal in Erinnerung zu rufen. Mir hat es nicht gefallen, da diese Art Prologe eher schlichte Wiedergaben sind und keinerlei Dramaturgie aufweisen.

7. Set Up für zukünftige Payoffs

Es werden, oftmals im Subtext versteckt, Set Ups gesetzt, die später in der Story genutzt werden. Auch hier als Beispiel Casablanca und Rick Blaines „I stick my neck out for nobody“ und schon klar ist, dass er dieses Versprechen nicht wird halten können.

8. Einen Rahmen für die Story bieten

Es gibt verschiedene Techniken, wie man eine Geschichte beginnt und beendet. Eine dieser Techniken ist das sogenannte „Framing“, also das umrahmen einer Geschichte durch zwei Events. Hierbei wird im Epilog der Prolog mit den dann gültigen Bedingungen gespiegelt um der Geschichte einen befriedigenden Abschluss (bedeutet nicht Happy End!) zu bieten. Meiner Meinung nach schwer zu handhaben, aber eindrucksvoll wenn es gut gemacht ist.

9. Dramatische Ironie entwickeln

Dramatische Ironie bedeutet, das Publikum weiß etwas, dass der Protagonist noch nicht weiß. Es gibt Prologe, die mit einem Event im Leben des Protagonisten anfangen und die eigentliche Geschichte zu einem gigantischen Rückblick machen. Beispiel: Ghandi beginnt mit dem Anschlag auf Ghandi. Boulevard der Dämmerung beginnt mit dem Tod des Protagonisten, Joe Gillis.

Diese Technik dient dazu Empathie mit dem Protagonisten aufzubauen und das Leiden zu verstärken, denn egal was er versucht, wie er sich anstrengt, wir wissen bereits was passiert und hoffen doch so sehr, dass es anders kommen möge.

10. Entwickelt einen Setup Sub-Plot

Siehe Rocky oder auch Predator mit Arnold Schwarzenegger. Zu Beginn des Films landet das Rettungskommando im Dschungel, erledigt den Auftrag, mäht alles um und befreit eine Geisel. Erst danach beginnt das Alien auf die Gruppe Jagd zu machen, der Subplot „Befreiung der Geiseln“ ist vor dem auslösenden Ereignis abgeschlossen.

11. Just for the Laughs

Eine Komödie funktioniert, wenn das Publikum lacht. Deswegen ist es in Komödien erlaubt und durchaus üblich, einen von der Story unabhängig Prolog zu bringen, bei dem der Zuschauer vor Lachen vom Stuhl fällt. Einfach um klar zu machen, dass das jetzt witzig wird und das Zwerchfell zu entspannen.

Ein Prolog hat also durchaus seine Daseinsberechtigung, wenn man ihn sinnvoll einsetzt.

Wie handhabt ihr es? Mögt ihr Prologe? Verzichtet ihr drauf? Wieso?

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