Wachstum ist ein Kernprinzip der Natur. Wer von euch einen Garten hat, kennt das. Wachsen und Gedeihen ist die Natur jeder Pflanze. Auch der Mensch hat sich des Kernprinzips Wachstum angenommen und es im kapitalistisch geprägten Umfeld so auf die Spitze getrieben, dass „Wachstum“ irreparabele Schäden verursacht. Ich muss immer wieder an den Film „Matrix“ denken, in dem die Figur des Agent Smith die Menschheit mit einem Virus vergleicht, das wächst bis es schließlich den Wirt tötet.

Trotzdem ist Wachstum und Fortschritt etwas Natürliches. Wer kleine Kinder hat und ihren Ehrgeiz erlebt, sieht das. Es ist schier unglaublich, mit welcher Anstrengung, Geschwindigkeit und Verve Kinder dazulernen. Und auch Erwachsene lernen dazu. Nicht umsonst hört man die Ratschläge, möglichst täglich zu schreiben, zu üben, zu trainieren. Wo der Körper – ähnlich bei Pflanzen – irgendwann an eine Wachstumsgrenze stößt und sogar mit Rückschritt reagiert (ich werde bald 40, ich merke es), scheint unser geistiges Wachstumspotenzial noch lange nicht ausgeschöpft.

Und dennoch: Manchmal scheint es, als haben wir uns verrannt. Als wäre was natürlich ist zur Belastung geworden.

Die letzten eineinhalb Jahre habe ich das mit voller Kraft zu spüren bekommen. Meine zweite Tochter wurde Ende des letzten Jahres geboren und obwohl ich das Leben als Vater bereits kannte, änderte sich viel. Dann kam Corona. Jede liebgewonnene Gewohnheit war dahin, all meine Routinen passé.

Natürlich änderte sich die Zeit, die mir fürs Schreiben zur Verfügung stand. Ich habe sonst in normalen Wochen etwa 10.000 Wörter zusammen bekommen. Noch vor zwei Jahren bin ich täglich fast 3 Stunden gependelt und habe in dieser Zeit mit der Präzision eines schweizer Uhrwerks an meinen Texten gearbeitet. Dieses und auch letztes Jahr habe ich die ersten Monate des Jahres nichts geschrieben. Null. Danach mal einen Tag in der Woche, manchmal zwei. Dann wieder wochenlang gar nichts.

Aber das war noch nicht alles. Mein Blog war in Hochzeiten soweit, dass ich Kooperationen mit anderen Blogs geplant hatte und mir Leute wie Sebastian Fitzek und Markus Heitz Interviews gaben. Ich habe mir Ideen für Onlinekurse überlegt und eine Umfrage über das Autorenleben gestartet, an der sich auf Grund meiner damaligen Reichweite in kürzester Zeit über 300 Leute fanden, die mir Rede und Antwort standen.

Und dann …

Über ein Jahr passierte hier quasi nichts mehr. Die Zahl meiner Siteviews ist vermutlich ins bodenlose gesunken – ich weiß es nicht, weil ich das seit der DSGVO nicht mehr nachhalte.

Mein Newsletter hat einfach aufgehört zu existieren.

Es gab und gibt immer wieder Tage, an denen ich das Gefühl habe, mich zurück zu entwickeln was das Schreiben angeht. Klar, wer nicht jeden Tag schreibt, der wird schlechter – wir hören ja immer wieder, dass nur wer täglich schreibt auch wirklich des Autorenlebens würdig ist. Was zählt, ist Wachstum. Stillstand ist der Tod.

Wie soll man umgehen mit dieser quälenden Erkenntnis des Rückschritts? Dieses Ding mit den Bücher schreiben ist ja noch immer irgendwie mein Lebenstraum.

Interessant ist doch, dass wir inzwischen verstanden haben, dass unendliches Wachstum nicht möglich ist. Es ruiniert unseren Planeten und uns selbst, in dem wir von einem Job zum nächsten, von einem Termin zum nächsten eilen. Trotz unseres Wissens um diese Tatsache, sind wir nicht in der Lage, diese Erkenntnis auf uns selbst anzuwenden.

Ich sehe meine Freunde nicht mehr so oft? Ich habe kaum Zeit zu Hause? Ich schreibe weniger? Im Job habe ich schon seit Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen? Beim Zocken komme ich kaum noch vorwärts? Es ist immer unaufgeräumt? Ich komme nicht mehr zum Sport?

Ich entwickele mich zurück, ich werde schlechter!

Wir machen uns deswegen fertig. Strafen uns selbst, indem wir uns erst einmal selbst beleidigen und unsere eigene Unfähigkeit blumig umschreiben. Gerne auch auf Twitter, wo wir uns unserer Agonie hingeben. Daher weiß ich auch, dass es vielen von euch so geht. Dass ihr hadert damit, dass eure Bücher nicht fertig werden oder ihr keine Kraft/Zeit/Lust zum Schreiben findet. Vieles davon findet freilich nur in unserem Kopf statt. Wirklich Lust zuzugebem, dass man gefühlt nur rückwärts läuft, haben wir ja auch nicht.

Wir wollen keine Rückschritte in unserem Leben.

Aber ich bin begeisterter „Aufschreiber“ und mache jeden Monat Abkreuzkalender mit Zielen, ich schreibe meine täglichen ToDos auf und notiere mir, was mir an Tagen gefällt und was nicht. Das ist oft hilfreich und oft auch ernüchternd. Aber es zeigt auch, was ich so an den Tagen getan habe und was nicht – oftmals vergesse ich das nämlich zwei Tage später bereits wieder. Dieser simple Umstand hat mich zu der Frage gebracht, was genau wir eigentlich unter Wachstum verstehen und wieso wir uns die Mühe machen sollten, diesen Begriff ein wenig von links nach rechts zu wenden.

Die Menschheit hat sich irgendwann dazu entschlossen, Wachstum vor allem in Geld zu messen. Wenn wir heute von „Wachstum“ oder „Grenzen des Wachstums“ sprechen, dann meinen wir Wirtschaftswachstum, entweder in Geld oder Waren – wie zum Beispiel fertig geschriebenen Büchern.

Als Maß ob Dinge gut oder schlecht laufen, wird Geld festgelegt.

Jedes Jahr will ein Unternehmen nach Möglichkeit mehr Geld umgesetzt oder verdient haben, als im Vorjahr. Das haben wir als Wachstum definiert und danach richten wir unsere Leben aus – oder unsere Leben werden danach ausgerichtet, von den Leuten die unsere Gehälter bezahlen. Dabei leuchtet es ein, dass die Festlegung auf nur EINEN Parameter hundert andere Parameter ausblendet. Sind die Arbeitgeber zufrieden? Schaden wir der Umwelt? Erfüllt uns, was wir tun? Wäre es nicht auch denkbar als Wachstum zu definieren, was zufriedener macht?

Unser System ist so, dass Entscheidungen so weit vereinfacht werden, dass am Ende dort eine Zahl steht und diese Zahl uns sagt, ob eine Entscheidung sinnvoll ist oder nicht. Und in unserer Logik ist eine Entscheidung immer dann sinnvoll, wenn sie einen Zuwachs darstellt.

Gleiches gilt beim Schreiben. Ich hadere mit mir, weil ich kaum zum Schreiben komme. Letztlich ist beim Schreiben das Tolle, dass die geschriebenen Worte nicht verschwinden – sie kumulieren sich und es ist grundsätzlich egal, wann ich sie geschrieben habe. Dieser Artikel ist schon über ein Jahr alt, als ich ihn anfing. Jetzt habe ich ihn in etwa dreißig Minuten fertig bekommen – dank des Fundaments, das bereits gelegt war. Außerdem habe ich bereits zwei Kurzgeschichten veröffentlicht und NACHTMEER steht bereits in den Startlöchern.

Die Interviews mit Markus Heitz und Sebastian Fitzek kann man IMMER NOCH hier lesen. Wenn ich also statt auf die letzten eineinhalb Jahre zu blicken, auf den Tag blicke, an dem ich mich entschlossen habe mit dem Schreiben anzufangen, dann habe ich mich eigentlich ganz gut entwickelt. Und noch mehr. Ich habe ja jetzt eine zweite Tochter – man kann sagen, ich entwickele mich gerade unheimlich was das Thema Vater sein angeht. Auch was Hausarbeit angeht oder so zu arbeiten, dass ich pünktlich Feierabend machen kann. Ich ernähre mich auch wieder besser und gehe öfter mal an die frische Luft als Früher.

In vielen Fällen ist Rückschritt vor allem auf einen bestimmten Zeitraum bezogen, den wir vielleicht viel zu eng ziehen.

Oder wir bemerken nicht, dass wir in anderen Dingen wachsen. Jetzt frage ich sogar: Was ist überhaupt schlimm daran, einen Rückschritt einzugehen. Eine befreundete Autorin und Lektorin entschloss sich kürzlich, weniger Lektorate anzunehmen. Ist das ein Rückschritt? In manchen Feldern vielleicht – aber in einem ganze wesentlichen sicher nicht: Darin auf sich selbst zu achten.

Kann man also auch denken, dass Wachstum mehr als zwei Dimensionen hat, ebenso wie Rückschritt? Kann es sein, dass ich mich in Wahrheit weiterentwickelt habe, wenn ich noch immer dazu komme zu schreiben, und seien es nur Kurzgeschichten? Wenn ich dazu noch zusätzliche Vateraufgaben übernommen habe oder eine Weiterbildung in meinem Beruf gemacht habe? Oder wenn ich einfach mehr Zeit für meine Familie habe?

Statt mich auf das „ich bekomme nichts mehr geregelt“ Gefühl einzulassen, kann ich gucken, was ich alles geregelt bekomme und schon geregelt bekommen habe.
Machen wir uns also zu oft zu verrückt, weil wir den Blick zu sehr verengen?

„Letztes Jahr habe ich 3 Bücher veröffentlicht und dieses Jahr keins.“

Ist das wirklich ein Rückschritt? Es ist doch nur eine Facette des Lebens, die wir aufgreifen. Wir blenden alles andere aus und fühlen uns schlecht. Dabei bin ich fest davon überzeugt, dass der Körper und der Geist uns Signale senden, wenn etwas in unserem Leben falsch läuft. Wenn wir eine Pause machen und einfach mal drei Monate nichts tun, dann ist das kein Rückschritt. Das kann auch ein persönlicher Fortschritt sein. Weil ich endlich auf mich gehört habe. Weil ich endlich mal „Nein“ sage. Weil ich endlich einfach mal nur auf dem Sofa liege oder wie in meinem Fall, einfach nur Papa und Angestellter bin.

Die Stimmen, die uns sagen, dass wir nicht genug tun, betrachten nicht das ganze Bild.

Um wirklich zu wachsen, als Mensch, halte ich das aber für wichtig. Phasen der Ruhe – und dauern sie auch mal Jahre – können uns stärken. Sie können zu einem Fundament werden, auf das wir unsere Sandschlösser später wieder aufbauen. Wir machen keinen Schritt zurück. Wir machen nur einen Schritt in eine andere Richtung. Oder um es mit fremden Worten zu sagen:

„Wenn man vor dem Abgrund steht, dann ist der Rückschritt ein Fortschritt.“

Friedensreich Hundertwasser
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