Vielleicht spielst Du mit dem Gedanken, einmal bei einer Anthologie oder Kurzgeschichtensammlung mitzumachen oder sogar selbst eine herauszugeben. Wenn Du bist wie ich, dann begegnest Du solchen Projekten womöglich erst einmal mit einer gesunden Portion Skepsis. Ich konnte mir Jahre lang nicht vorstellen, mit Kurzgeschichten zu arbeiten, weil es für mich eben keine richtigen Romane waren.

Ich wurde eines Besseren belehrt. Wie ich festgestellt habe, bietet eine Kurzgeschichtensammlung eine Vielzahl von Vorteilen, darüber möchte ich heute erzählen.

Vorteile für wenig erfahrene Autoren

Kurzgeschichten sind deutlich schneller geschrieben, als Romane. In meinen Fällen haben sie zwischen 5.000 (Blutlese) und 7.000 (die letzte Fahrt) Wörter. Das ist nicht wenig, aber eine Geschichte in der Größenordnung bekomme ich mit meinem überschaubaren Zeitbudget in etwa einer Woche geschrieben, die Überarbeitung außen vor. Da es bei einer Anthologie im Regelfall genügt, eine Kurzgeschichte beizusteuern, kommt man also mit überschaubarem Zeiteinsatz zu einer Veröffentlichung.

Für mich ganz persönlich war das ziemlich entscheidend. Ich habe bereits drei Jahre an meiner ersten Romanidee gearbeitet, die dabei so sehr abgewandelt wurde, dass ich im Prinzip zwei komplett eigenständige Geschichten schrieb. Nach Fertigstellung des Dunkelbringers gefiel mir nicht, was auf dem Papier stand. Ich nahm Abstand davon, die Geschichte weiter zu entwickeln und schob meinen ersten fertiggestellten Roman in die Schublade. Insgesamt habe ich über 250.000 Wörter zu Papier gebracht und wieder verworfen.

Meine Nachfolgegeschichte unter dem Arbeitstitel Helden steckt irgendwo zwischen Akt 2 und 3 fest und lag nun beinahe ein Jahr unberührt herum. Für mich waren die Veröffentlichungen der Kurzgeschichten ein Motivationsschub. Am Ende hält man ein Buch in Händen. Es gibt Feedback, Testleserunden. Kurzum, die Feedbackschleifen für das, was man tut, sind erheblich kürzer. Mir hilft das wahnsinnig, meine Motivation für die längeren Projekte aufrecht zu erhalten.

Für erfahrene Autoren, die bereits mehrere Bücher veröffentlicht haben, mag dieser Punkt nicht relevant sein. Für mich schon. Es bedeutet für mich, dass ich schon heute etwas veröffentlicht habe, das man kaufen und in der Hand halten kann. Auch in meinem Umfeld hat das zu einer erheblich verändert Wahrnehmung meines „Hobbys“ geführt. Erntenacht und Schmerzlos sind zwei professionelle Anthologien, die gut aussehen und insgesamt ein hervorragendes Niveau aufweisen.

Motivation, schnelleres Feedback und schnellere Veröffentlichungen sind aber nur ein Teil. Speziell im Fall der Erntenacht, wo ich Herausgeber war, musste ich mich erstmals mit dem Thema Selfpublishing intensiv auseinander setzen. Dafür weiß ich jetzt, wie man bei Amazon und ePubli Bücher einstellt, welche Anforderungen man an ein Cover haben sollte und wie viel man mit so einer Anthologie verdienen kann. Darüber hinaus habe ich nun eine eigene Autor-Page bei Amazon, eine weitere Einzahlung in das Thema Reputation und Wahrnehmung.

Wenn Dich interessiert, was wir mit der Erntenacht so verdienen: Auf meiner Buchseite steht, wie viel wir gespendet haben. Da wir alle Einnahmen spenden, entspricht das auch dem, was wir mit dem Buch verdient haben. Ein paar Euros kommen immer hinzu, weil ich erst sammle, bevor ich die nächste Spende vollziehe.

Weitere Vorteile

Das alles sind Vorteile, die vor allem für Autoren mit wenig Erfahrung beim Veröffentlichen interessant sind. Darüber hinaus gibt es noch ein paar weitere Dinge, die interessant sind:

  • Du arbeitest mit anderen zusammen, lernst von ihren Erfahrungen
  • Du knöpfst Kontakte, zum Beispiel zu Lektoren und Illustratoren
  • Dadurch lernst Du den Wert eines Lektorats / Korrektorats richtig einzuschätzen
  • Du lernst mit Deadlines umzugehen, die nicht nur von Dir selbst gesetzt sind
  • Du knüpfst Kontakt zu Buchbloggern
  • Es ist deutlich günstiger, als alleine ein Buch herauszubringen
  • Viele unterschiedliche Kompetenzen ermöglichen oftmals ein hohes Niveau. Bei der Erntenacht hatten wir alles in der Gruppe: Professionelles Lektorat, Korrektorat, Buchsatz und Cover. Alles Dinge, die normal richtig ins Geld gehen.
  • Du darfst die Kurzgeschichten der anderen vor Veröffentlichung lesen und Überarbeiten
  • Du hast die „Vertriebspower“ einer ganzen Gruppe und musst nicht alles alleine machen

Kurzum, es gibt kaum einen Part des Autorenlebens, für den die Mitarbeit an einer Anthologie nicht wirksam oder nützlich ist. Aber es gibt auch ein paar Schattenseiten. Mit den meisten davon hatte ich zum Glück kaum zu tun, da vor allem die Gruppe rund um die Erntenacht derart gut war, dass es richtig rund lief.

Die Nachteile

Trotzdem möchte ich die negativen Punkte aufzählen:

  • Eine Anthologie verkauft sich selten wirklich gut
  • Autorengruppen können sich sehr leicht zerstreiten. Ich bin einige Male Zeuge dessen geworden. Autorengruppen sind anarchische Zweckbündnisse, die nur durch das Ziel einer gemeinsamen Veröffentlichung zusammengehalten werden. Darüber hinaus sind die meisten Autoren eher Einzelkämpfer. So ein Bündnis kann schnell auseinander brechen, wenn das Ziel nicht stark genug ist
  • Wenn niemand Verantwortung übernimmt, passiert nichts
  • Wenn nur sehr wenige Verantwortung übernehmen, fühlen andere sich übergangen
  • Abgebrochene Projekte frustrieren sehr stark
  • Die Wahrnehmung für eine Kurzgeschichte und die damit verbundene Reputation ist geringer, als bei einem eigenen kompletten Buch
  • Die Organisation ist schwierig, vor allem wenn sie überwiegend online funktioniert. Bei der Erntenacht sind manche Autoren einfach mittendrin und ohne ein Wort zu verlieren ausgestiegen
  • Entscheidungsfindungen in großen Gruppen können ein Spießrutenlauf sein

Fazit

Ich kann jedem nur empfehlen, sich an einer Anthologie zu beteiligen. Mir hat es nur Vorteile gebracht, sowohl bei dem Drumherum als auch beim Schreiben selbst. Eine Kurzgeschichte verlangt ganz eigene Herangehensweisen, die nicht so einfach zu meistern sind. Mir machen sie zunehmend Spaß, was ich zu Beginn nie gedacht hätte.

Wichtig ist ein gutes Team oder ein Kopf, der sich um alles kümmert. Ich hatte beides. Bei „Schmerzlos“ haben sich Rahel und Sarah von Clue Writing quasi um alles gekümmert. Ich hatte keinen Kontakt zu anderen Autoren und es lief ziemlich gut. Dafür leidet hier etwas die Verbundenheit mit dem Gesamtprojekt. Bei „Erntenacht“ haben wir alles selbst gemacht, vom Lektorat bis zum Marketing und entsprechen verbunden bin ich mit den Leuten und dem Projekt. Das war und ist eine tolle Erfahrung.

Vor allem bei letzterem muss ich aber sagen, dass immer wieder jemand in die Bresche gesprungen ist, wenn ein anderer nicht konnte. Ich kann hier gar keine Namen nennen, weil wirklich jeder seinen Teil beigetragen hat. Wer Projektarbeiten auch aus seinem Job kennt, weiß, wie mühselig es manchmal ist, die Leute alle bei der Stange zu halten. Das war hier nie der Fall und das ist vor allem ein Luxus. Wenn Du also bei einem Projekt mitmachen möchtest, dann am besten mit Leuten, die Du schon etwas kennst und ein bisschen einschätzen kannst. Das spielt zum einen beim „Dranbleiben“ eine Rolle, aber auch wenn es um das Thema „Entscheidungen“ geht, die wirklich noch einmal ein ganz eigenes Thema sind.

Wen es interessiert, ich habe dazu auch ein paar Worte in Ninas und Benjamins Podcast „Autorenschnack“ verloren. Einfach hier klicken.

Das war´s. Meine Empfehlung: Wenn Du kannst, probiere Dich in so einem Projekt aus. Zu verlieren hast Du nichts. Selbst wenn nichts dabei herumkommt, hast Du ein paar Erfahrungen gesammelt.

Schreib mir gerne in die Kommentare, was Deine Erfahrungen mit Autorengruppen und Kurzgeschichtensammlungen sind.

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Beitragsbild:

Photo by Helena Lopes on Unsplash

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