Augenschelm fragt: Michaela Stadelmann

Posted by on Okt 12, 2016 in Blog, Interviews | 3 Comments
Augenschelm fragt: Michaela Stadelmann

Heute konnte ich Mikaela Sandberg alias Michaela Stadelmann alias Textflash für ein Interview auf meinem Blog gewinnen. Michaela Stadelmann ist in Wesel am Niederrhein aufgewachsen. Seit ca. 20 Jahren lebt sie in Mittelfranken. Bevor sie in die Verlagswelt eintauchte, hat sie als Bürokauffrau und als psychologische Lebensberaterin gearbeitet. Ihren aktuellen Schweden-Krimi Schweig still findest Du bei Midnight Ullstein, darin geht es um die 14-jährige Nelli, die des Mordes an ihrer Mutter verdächtigt wird. Das Buch könnt ihr direkt über Ullstein oder bei jedem Onlinebuchhändler bekommen, hier der Link zu Amazon.

Wenn ihr Michaela folgen wollt, könnt ihr das auf dem Blog https://textflash.wordpress.com/

oder bei http://twitter.com/Textflash

http://www.facebook.com/Micha.Stadel

Interview

Erster Teil – Über Dich

1. Zu Deiner Person: Kannst du vom Schreiben leben? Falls nicht, was
machst Du, außer zu schreiben?

Wenn die Frage darauf abzielt, ob ich mit dem Schreiben ein regelmäßiges Einkommen erwirtschafte, lautet die Antwort: nein, derzeit (mal wieder) nicht. Ich erwarte jedoch, dass sich das mit mit der Veröffentlichung bei Ullstein wieder ändert. Um die Lücken zu füllen, lektoriere ich und gestalte Print- und E-Books für Autoren.

2. Wie bist Du dazu gekommen zu schreiben und seit wann schreibst du?

Bereits im Kindergarten habe ich die ganze EUROPA-Langspielplatten-Palette rauf- und runtergehört und die Geschichten mit verschiedenen Stimmen und allen Nebengeräuschen anderen Kindern vorgetragen, ob sie wollten oder nicht. Mit sieben Jahren bekam ich meine erste Barbie geschenkt und wünschte mir eine Barbie-Märchenplatte – die ich aber nicht bekam. Da musste ich mir selbst etwas ausdenken und schrieb meine erste Geschichte.

3. Seit wann schreibst du mit dem festen Vorsatz, zu veröffentlichten?

Seit 2007, was u.a. mit der Gründung des Wunderwaldverlags einherging. Ich dachte, mit einer wie auch immer gearteten Organisation im Rücken komme ich leichter ans Ziel, was aber nicht der Fall war. Deshalb habe ich den Verlag nach neun spannungsgeladenen Jahren im März 2016 wieder aufgelöst. Self- bzw. Hybrid-Publishing ist nervenschonender.

4. Wie hat Dein Umfeld darauf reagiert?

„Ach ja, schon wieder Künstlerkram.“

5. In welchem Genre schreibst Du?

Von 2013 bis 2015 habe ich Ballett-Jugendromane geschrieben, davor und zwischendurch Familienpersiflagen, einen Liebesroman, und jetzt bin ich beim Krimi angekommen.

 

Zweiter Teil: Publikation und Marketing

6. Ist Verlagspublikation oder Self-Publishing dein Weg?

Ich habe beides ausprobiert und fahre mit einer Mischung aus beidem ganz gut.

7. Wieso hast du dich für diesen Weg entschieden? schweig_still_cover1000px

Bei der Verlagspublikation muss man m.E. unterscheiden, ob man selbst die Verlegerin ist oder verlegt wird. In meiner Zeit als eigene Herrin ist der Papierkram um die Publikation herum irgendwann so umfangreich geworden, dass mir die Lust vergangen ist. Und man muss auch ganz klar sagen, dass man viel Arbeit für wenig bis gar keinen Lohn hat, sich dafür aber extrem kritischen Autoren und Lesern gegenüber sieht. Da braucht man ein ziemlich dickes Fell.
Jetzt, mit Ullstein im Rücken, ist die Arbeit fast paradiesisch. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der vorauseilende Respekt Kritik wesentlich vorsichtiger ausfallen lässt.
Da sich die Möglichkeiten für Self-Publisher im Laufe der Jahre immer mehr verbessert haben, brauche ich mir auch keine Gedanken zu machen, wenn der Verlag einen Roman ablehnt. Dann veröffentliche ich ihn eben selbst.

8. Wie lange musstest Du warten, bis ein Verlag ein Manuskript von Dir genommen hat?

Beim aktuellen Krimi „Schweig still“ hat es vier Tage gedauert, bis die Zusage von Ullstein kam. Das war übrigens mein bisher einziger Versuch, bei einem Verlag zu landen. Davor hatte ich ja selbst ein Verlägchen.

9. Was sind Deine besten Tipps, um auf einen Roman aufmerksam zu machen?

Bei mir funktionieren die Werkstattberichte ganz gut: Ich schreibe ein bisschen über die Hintergrundrecherchen, was mir am meisten Schwierigkeiten bereitet hat, interessante Zwischenfälle usw. Eine Weile haben sich meine Leser darüber amüsiert, dass ich die Protagonisten bis zur Fertigstellung eines Romans immer wieder umbenannt habe. („Na? Heißt Sabine heute immer noch so oder ist eine Anastasia draus geworden?“)
Am häufigsten werden die Posts über die Ausgeburten der Rechtschreibkorrektur gelesen. Hin und wieder schreibe ich auch „off topic“ und verrate etwas über mich – reposte bzw. reblogge bzw. retweete etwas und lenke (scheinbar) von mir ab. Kurz: Ich biete den Lesern meine ganz persönliche Sicht der Dinge.

10. Wie findest Du Deine Zielgruppe?

Ich gehe ins Internet – und da ist sie 🙂

Dritter Teil: Gewohnheiten

11. Wie sieht ein gewöhnlicher Schreibtag von morgens bis abends aus?

In der Schulzeit jage ich morgens meine Familie aus dem Haus, danach kümmere ich mich um meine pflegebedürftige Mutter. Sobald ich eingekauft, meine E-Mails und den ganzen anderen Kram erledigt habe, schreibe ich ca. 1-2 Stunden am Stück, vorausgesetzt, es liegt kein Lektoratsauftrag vor. Danach koche ich, warte darauf, dass die Hausaufgaben wieder Ruhe in die Wohnung bringen – und dann kümmere ich mich um die Werbung, falls es keine familiären Sachen zu regeln gibt. Aber da gibt’s eigentlich immer was.
In der heißen Phase, wenn ich einen Roman unbedingt fertig bekommen möchte, schreibe ich vor allem nachts, weil ich dann meine Ruhe habe. Die Wochenenden sind übrigens tabu, außer ich bilde mir ein, eine Deadline einhalten zu müssen.

12. Auf welche Art entwickelst Du eine Idee zu einer Geschichte?

Ich schaue in der Buchhandlung, was gerade gefragt ist oder wo sich eine Nische auftut, in der es noch nicht viel gibt. Dann recherchiere ich eine Weile, bis mich ein Thema anspringt, und dann geht’s los.

13. 3-Akte, 5-Akte, 8 Sequenzen. Wie strukturierst Du Deine Geschichte?

Ich habe einmal eine siebenteilige Serie komplett so strukturiert, dass es pro Roman ca. 10 Kapitel à 10 Seiten gab. Aber das war sehr anstrengend, weil ich teilweise fast nichts, in anderen Kapiteln dann wieder viel zu viele Punkte abzuarbeiten hatte und notgedrungen das Exoposé immer wieder umschreiben musste.
Meist ist es jedoch so, dass ich mir zu Beginn überlege, welche Eigenschaften eine Figur mitbringt und welche Entwicklung sie durchlaufen soll. Danach bemesse ich die Abschnitte pro Person. In der Regel komme ich so auf 30-40 Sinnabschnitte.

14. Wie viele Stunden arbeitest Du pro Woche an Deinem Buch?

Wenn ich anfange zu schreiben, können es schon mal 20 Stunden pro Woche sein, damit ich zügig durchkomme. Zwischen den Romanen können jedoch auch Wochen ohne einen Tastenanschlag vergehen. In der Zeit plane ich Exposés.

15. Wie oft überarbeitest Du im Schnitt?

Ein- bis zweimal, da ich das Exposé vorab so genau anlege, dass idR keine tiefgreifenden Änderungen nötig sind. (Ja, das funktioniert tatsächlich.)

16. Wie motivierst Du Dich zum Schreiben?

Ich bin Autorin, also schreib ich den Scheiß-Roman!

17. An wie vielen Projekten arbeitest du gleichzeitig?

Ich habe immer nur eins auf dem Tisch, das durchgezogen wird, was auch für Exposés gilt. Falls ich Ideen für etwas anderes habe, schreibe ich sie auf und widme mich ihnen nach Projektabschluss. Ja, ich weiß, das klingt ganz schön unkreativ, aber so isses nun mal 🙂

18. Was sind, aus Deiner Sicht, Deine 3 wertvollsten Gewohnheiten im
Bezug auf das Schreiben?

1. Bei Recherchen frage ich nach, bis meinem Gegenüber Hören und Sehen vergehen.
2. Ich kann mich darauf verlassen, dass ich eine Geschichte oder einen Roman zu Ende bringe, komme, was wolle.
3. Ungefähr in der Mitte des Schreibprozesses finde ich meinen Roman doof. Das ist insofern wertvoll, weil ich in dieser Phase die Unstimmigkeiten herausfiltere, die mir vorher vor lauter Begeisterung entgangen sind. (Blöd für den, der meine nochmalige Frage-Tour durchleiden muss, aber wer ins Impressum will, muss leiden.)

19. Wie viel der Zeit die Du schreibst macht dir Spaß und wie viel ist eher harte Arbeit?

Wem harte Arbeit keinen Spaß macht, sollte sich fragen, warum er nicht etwas anderes tut.
Oder in Zahlen ausgedrückt: 1 % Inspiration, 99 % Transpiration.

 

Vierter Teil: Inspirationen

 

20. Welches Buch über das Schreiben kannst du unbedingt weiterempfehlen?

Schreiben ist zwar ein Handwerk, das man erlernen kann. In erster Linie ist Schreiben jedoch so etwas wie eine Selbstanalyse, die individuell verläuft. Wenn jemand wirklich ein Buch über das Schreiben lesen will, dann sollte er sich Göttersagen in unterschiedlichen Ausgaben vornehmen, um die „Reise des Helden“ mit unterschiedlichen Sprach- und Schreibstilen nachzuvollziehen. Dabei lernt man mehrere Dinge gleichzeitig und wird auch noch gut unterhalten.
Das funktioniert übrigens auch, wenn man die Kataloge zweier Versandhäuser nebeneinander legt. Der IKEA-Katalog wird eher von vorn bis hinten durchgelesen als der Baumarkt-Prospekt, den man nur durchblättert. Und warum? Weil IKEA Geschichten erzählt. Und wie machen die das, die Schweden? Genau da setzt die Analyse an.

21. Was war der beste Ratschlag, den du in bezug auf das Schreibenurheber4593
erhalten hast?

Man muss nicht schreiben, um zu existieren.

22. Welche drei Romane haben dich am meisten inspiriert und warum?

Das klingt jetzt wie Schleimerei, aber es ist tatsächlich so, dass mich Mareike Albrachts Krimi „Katz und Mord“ dazu veranlasst hat, den Schweden-Krimi zu schreiben. Ihr Roman spielt im Sauerland, was ich als Niederrheinerin total stark finde, denn ich wollte unbedingt wissen, was man zwischen Brilon und Dortmund alles anstellen kann.
Tolkien-Fans sollten die nächste Antwort nicht lesen: Im ersten Anlauf mit knapp 20 fand ich den ersten Band von „Der Herr der Ringe“ so langweilig, dass ich unbedingt einen besseren Fantasy-Roman schreiben wollte. Inzwischen habe ich alle drei (eigentlich sechs) HdR-Bände längst gelesen (die grüne Ausgabe!!!) und finde sie wunderschön. Dafür bin ich bei meinem eigenen Fantasy-Roman nicht über das Exposé hinausgekommen, weil ich mich noch nicht reif genug für ein Fantasy-Epos fühle. Vielleicht wird das auch nie der Fall sein – aber egal. Die Beschäftigung mit der Tolkienschen Sprache war herrlich.
Vom dritten Roman „Der Friedhof der Kuscheltiere“ ist die letzte Seite inspirierend gewesen, und davon eigentlich auch nur die Zeile: „Ihre Stimme war Erde.“ Dieser Satz bereitet mir nach wie vor wohlige Gänsehaut.

23. Mit welchem Romanhelden möchtest Du gerne einen Tag verbringen?

Wenn auch der Roman zum Film zählt, dann mit den Ghostbusters, und zwar mit denen aus den 1980er Jahren.

Fünfter Teil: Organisation und Persönlichkeit

 

24. Welche fünf Eigenschaften sollte ein Autor unbedingt besitzen?

Zielstrebigkeit, Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen, Lernwille und jede Menge Mut.

25. Welchen Ratschlag möchtest du jemandem mitgeben, der gerade erst mit dem Schreiben begonnen hat?

Wanderer, wenn du eine schnelle Mark machen willst, lass alle Hoffnung fahren! Verkauf lieber Versicherungen, aber fass um Himmels willen keinen Stift an. Wenn du dich aber wirklich selbst entdecken willst: Leg los.

26. Familie, Arbeit, Studium, Schreiben, Vertrieb der Bücher, Social
Media. Der Kalender ist voll, was tust du, um nicht auszubrennen dabei?

Wenn ich mein selbst auferlegtes Pensum nicht schaffe, geht die Welt nicht unter. Und falls doch, liest sowieso keiner mehr, was ich geschrieben habe, also alles ganz easy …

Teil 6: Ausblicke und Einblicke

27. Glückwunsch! Du hast eine Fee gefunden und sie erfüllt Dir einen

Wunsch. Einzige Einschränkung, es muss etwas mit Büchern zu tun haben. Was wünschst du dir?
Dass überall auf der Welt Menschen jeden Alters Zugang zu elektronischen oder gedruckten Büchern haben, um sich zu bilden oder einfach zu entspannen.

28. Wenn Du eine Sache am Buchmarkt ändern könntest, was wäre das?

Es wäre schön, wenn das Gemecker über den deutschsprachigen Buchmarkt verstummen würde und wieder das garantierte Recht auf Meinungsfreiheit in den Mittelpunkt rückt. Das macht nämlich m.E. unseren Buchmarkt aus und nicht die Zahlendrescherei der Bestsellerlisten.

29. Zum Schluss was Handfestes: Welche Workshops, Lehrgänge, Coverdesigner, Lektoren und Korrektoren kannst du aus deiner bisherigen Arbeit empfehlen?

Es kommt drauf an, wem ich sie empfehlen soll. Jeder arbeitet anders, jeder hat Schwächen und Stärken, weil zwar alle Dienstleister, aber vor allem Menschen sind. Deshalb habe ich auch keine Empfehlung.

Liebe Michaela, vielen Dank für Deine ausführlichen und interessanten Antworten.

Alle bisherigen Interviews von Augenschelm fragt findest Du hier.

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