Augenschelm fragt: Nina C. Hasse

Willkommen zum Interview mit der Autorin Nina C. Hasse.

Vor einigen Wochen habe ich auf Twitter gefragt, in welcher Reihenfolge ich die letzten vier Interviews der ersten Staffel von „Augenschelm fragt“ veröffentlichen soll. Hier das Ergebnis:

https://twitter.com/augenschelm/status/839760015200292864

Die Steampunkpolizistin hat mir Frage und Antwort gestanden.

Nina schreibt Steampunk-Krimis und wurde 1986 in Paderborn geboren, lebt mittlerweile aber in Münster. Den aktuellen Roman »Ersticktes Matt« findest Du als eBook und Taschenbuch auf Amazon, darin geht es um eine Mordserie in einem fiktiven Stadtviertel von New York.

Ein Viertel ohne Hoffnung.
Ein Mörder ohne Skrupel.

New York, 1893.

In den Floodlands, einem Elendsviertel mitten im East River, verfolgt die Polizei ein Gespenst. An jedem Tatort eine weibliche Leiche, eine Schachfigur in der Hand. Das Spiel eines Wahnsinnigen?

Für Remy Lafayette, Gesichtsanalytiker und Berater beim New York Floodlands Police Department, wird die Jagd zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, als seine ehemalige Verlobte in den Sog der Ereignisse gerät.

Ein Steampunk-Krimi aus den Floodlands.

 

Wenn ihr Nina folgen wollt, könnt ihr das auf dem Blog oder bei Facebook, bei Twitter oder bei Instagram.

Fragen

Teil 1: Über Dich

 

1. Zu Deiner Person: Kannst du vom Schreiben leben? Falls nicht, was machst Du, außer zu schreiben?

Nein, vom Schreiben leben kann ich nicht. Mit nur einem veröffentlichten Roman wäre das auch sehr ungewöhnlich. Aber auch in meinem Brotjob bin ich ganz nah am Thema Schreiben dran, da ich als freie Lektorin arbeite. Das macht mir viel Spaß, weil ich so zahlreiche unterschiedliche Texte zu lesen bekomme und Kontakt zu tollen Autoren knüpfen kann – außerdem lerne ich bei jedem Manuskript für mein eigenes Schreiben dazu.

2. Wie bist Du dazu gekommen zu schreiben und seit wann schreibst du?

Im Grunde schreibe ich, seit ich Buchstaben aneinanderreihen kann. Zuerst kurze Tiergeschichten, illustriert
mit aus Zeitschriften ausgeschnittenen Bildern, später machte ich dann einen kurzen Ausflug ins Reich der Fanfiction. Ich stellte jedoch schnell fest, dass ich lieber meine eigenen Figuren entwickeln möchte und habe dann mit etwa 14 Jahren angefangen, an einem ersten „Roman“ zu arbeiten, damals im Genre High Fantasy. Irgendwo müsste ich den noch rumliegen haben, aber ich glaube, ich möchte ihn gar nicht lesen …

3. Seit wann schreibst du mit dem festen Vorsatz, zu veröffentlichten?

Bei jeder angefangenen Geschichte hatte ich diesen Vorsatz – auch wenn ich diese nie zu Ende geschrieben habe. Als ich die Idee zu »Ersticktes Matt« hatte, war es wie bei den Dutzend Mal davor. Doch irgendwann hat mich die Geschichte so gepackt, dass ich gar nicht anders konnte, als sie zu Ende zu schreiben und zu veröffentlichen.

4. Wie hat Dein Umfeld darauf reagiert?

Ich habe das große Glück, eine sehr unterstützende Familie zu haben, die prinzipiell erst einmal alles toll findet, was ich so treibe – zumindest haben sie mich nie Gegenteiliges spüren lassen. Und auch viele meiner Freunde haben mich unterstützt, fragten immer wieder nach, wann sie denn etwas lesen könnten. Das motiviert natürlich sehr.

5. In welchem Genre schreibst Du und was begeistert Dich an diesem Genre?

Es hat lange gedauert, bis ich mein Genre gefunden hatte. Eigentlich ist es mehr ein Genre-Mix aus Steampunk und Krimi. Krimis lese ich schon seit meiner Jugend unwahrscheinlich gerne, und es war immer mein Ziel, selbst einen zu schreiben. Während des Schreibens habe ich allerdings gemerkt, dass mir das reine Krimi-Genre (aktuell) nicht wirklich liegt. Die Mischung mit Steampunk war dann genau das Richtige für mich.

Teil 2: Publikation und Marketing

 

6. Ist Verlagspublikation oder Self-Publishing dein Weg?

Aktuell fühlt sich Self-Publishing für mich richtig an. Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, »Ersticktes Matt« keinem Verlag anzubieten. Ich würde nicht sagen, dass ich keinen Verlagsvertrag unterschreiben würde – da käme es auf die Bedingungen an. Momentan bin ich als Self-Publisher aber ganz zufrieden.

7. Wieso hast du dich für diesen Weg entschieden?

In meinem Nischengenre ist eine Verlagsveröffentlichung eher unwahrscheinlich, nur eine Handvoll Verlage bieten Steampunk überhaupt an. Außerdem genieße ich die Unabhängigkeit und dass ich mich ausprobieren kann, sowohl schreib- als auch marketingtechnisch. Ich muss mit niemandem Rücksprache halten, bin für alles selbst verantwortlich und bekomme hautnah mit, was funktioniert und was nicht. Das gefällt mir sehr.

8. Was sind Deine besten Tipps, um auf einen Roman aufmerksam zu machen?

Mit dem Marketing ist das so eine Sache. Das ist gar nicht so einfach. Ich nutze momentan v.a. Social Media und versuche dort, ganz ich selbst zu sein. Nicht zu verkaufen, sondern Kontakte zu knüpfen, am Leben anderer ein wenig teilzuhaben und andere auch selbst teilhaben zu lassen.

9. Wie findest Du Deine Zielgruppe?

Vornehmlich online über Social Media, aber auch z.B. auf Steampunk-Festivals wie dem Æthercircus oder dem Steampunkspass.

Teil 3: Gewohnheiten

 

10. Wie sieht sein gewöhnlicher Schreibtag von morgens bis abends aus?

Das ist ganz unterschiedlich, da ich freiberuflich tätig bin und mir meine Zeit frei einteilen kann. Ich mache es meistens so, dass ich mich morgens den Lektoraten widme und das Schreiben auf den Nachmittag/Abend schiebe. Morgens bin ich noch nicht wirklich kreativ, da kann ich besser analytisch arbeiten. Abends klappt das mit der Kreativität deutlich besser. Es kann also durchaus auch mal sein, dass ich bis zum Morgengrauen am aktuellen Manuskript sitze – wenn’s gut läuft.

11. Auf welche Art entwickelst Du eine Idee zu einer Geschichte?

Die Ideenfindung dauert bei mir immer recht lange, da ich sie gerne ein wenig „reifen“ lasse. Die ersten Ideen sind meistens Themen, die mich interessieren, zu denen ich dann ein wenig Vorrecherche anstelle. Ich sammele mehrere solche Ideen, z.B. über Brainstorming oder „Was wäre, wenn …“-Fragen, und verknüpfe sie mit Richard Nordens AIM-Technik zu einem groben Netz, aus dem sich eine Geschichte entwickeln lässt. Erst danach beginne ich mit dem Plotten.

12. 3-Akte, 5-Akte, 8 Sequenzen. Wie strukturierst Du Deine Geschichte?

Ich nutze im Grunde drei Strukturen, die ich übereinander lege und kombiniere. Die grobe Planung mache ich in der 3-Akte-Struktur. Dann folgt eine genauere Ausarbeitung mit den 8 Sequenzen. Wenn ich anfange zu schreiben, habe ich einen mehr oder weniger detaillierten Fahrplan, an den ich mich halten kann.

13. Wie viele Stunden arbeitest Du pro Woche an Deinem Buch?

Das ist ganz unterschiedlich, je nachdem wie viel ich im Lektorat zu tun habe. Ich versuche, so viel Zeit wie möglich für das Schreiben abzuknapsen, das klappt allerdings nicht immer, oft genug funkt mir das Leben dazwischen. Meine produktivste Zeit habe ich immer im NaNoWriMo, der jedes Jahr im November stattfindet. Dann sind es meistens so 30 Stunden pro Woche. Das schaffe ich aber nur einmal im Jahr 😉 Im Geiste bin ich während meiner freien Zeit aber sowieso meistens bei meiner Geschichte. Sie wächst also nicht nur, während ich schreibe, sondern auch, wenn ich putze, spazieren gehe oder Einkäufe erledige.

14. Wie oft überarbeitest Du im Schnitt?

Bei „Ersticktes Matt“ waren es sechs Überarbeitungsdurchgänge. Ich vermute, dass es sich beim nächsten Roman bei drei bis vier Mal einpendeln wird.

15. Wie gehst Du bei der Überarbeitung vor? Hast Du ein bestimmtes System?

Das variiert je nachdem, wie gut ich bereits beim Schreiben auf die einzelnen Aspekte geachtet habe. Meistens arbeite ich mich vom Groben ins Kleine. Also erst die gröbsten Schnitzer ausbessern, bis die Geschichte stimmig ist und es hinterher nur noch um den Stil geht.

16. Wie motivierst Du Dich zum Schreiben?

Normalerweise freue ich mich aufs Schreiben, das ist Motivation genug. Wenn es mal nicht gelingen will, helfen mir kleine Rituale. Ich setze mich ins Café, bestelle Cappuccino und ein Stück Kuchen, schalte das Internet an meinem Laptop aus. Dann läuft’s meist ganz von alleine.

17. An wie vielen Projekten arbeitest du gleichzeitig?

Eigentlich immer nur an einem einzigen Roman. Ab und an schiebe ich noch eine Kurzgeschichte oder Novelle ein. Mehrere Romane gleichzeitig könnte ich nicht schreiben. Ich muss das Gefühl haben, ganz in eine Geschichte einzutauchen. Und das kann ich nur, wenn ich in Gedanken nicht noch bei einem anderen Projekt bin.

18. Was sind, aus Deiner Sicht, Deine 3 wertvollsten Gewohnheiten im Bezug auf das Schreiben?

alle Ideen gleich aufzuschreiben
mir vorher Gedanken machen, was für eine Art von Geschichte ich erzählen möchte
Schreiben, auch wenn sich die Muse mal nicht einstellen will

19. Wie viel der Zeit die Du schreibst macht dir Spaß und wie viel ist eher harte Arbeit?

Meistens ist es ein Mix aus beidem. Das Schreiben macht mir Spaß, sonst würde ich es nicht tun. Aber wenn ich drei, vier Stunden am Stück geschrieben habe, merke ich, dass es doch sehr viel Konzentration erfordert.

20. Wie lange hast Du an Deinem ersten fertig geschriebenen Roman gearbeitet?

Etwa fünf Jahre.

Teil 4: Inspirationen

 

21. Welches Buch über das Schreiben kannst du unbedingt weiterempfehlen?

Oh, da gibt es so viele gute … Ich sammle Schreibratgeber und mehr oder weniger wissenschaftliche Lektüre zum Thema Kreativität im weitesten Sinne und finde es sehr spannend, mich mit den Hintergründen der kreativen Arbeit zu beschäftigen.
Aber da ich eines auswählen muss: Ziemlich beeindruckend fand ich Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“, als ich es vor einigen Jahren gelesen habe. Es ist teils Biografie, teils Schreibratgeber. Außerdem ist es äußerst motivierend zu lesen, dass selbst der große Stephen King in seinen jungen Jahren viele Absagen von Verlagen kassierte. (Er hat sie damals alle mit einem Nagel an die Wand gepinnt, um sich selbst zu motivieren und sein Schreiben zu verbessern). Das Buch ist interessant und motivierend – außerdem lernt man ganz nebenbei einiges dazu, das einem bei der eigenen Schreibe behilflich sein kann.

22. Was war der beste Ratschlag, den du im Bezug auf das Schreiben erhalten hast?

»Don’t get it right. Just get it written.« von James Thurber. Als ich diese zwei Sätze gelesen habe, fiel mir das Schreiben plötzlich viel leichter, weil ich wusste: Ich kann alles nochmal ändern, wenn es mir nicht gefällt. Perfektionismus kann sehr lähmend sein.

23. Welche drei Romane haben dich am meisten inspiriert und warum? 

Puh, das sind so viele … Aber ich versuche, mich zu entscheiden. Richtig zum Lesen gekommen bin ich durch
Frances Hodgson Burnetts »Der geheime Garten«. Die mystische Atmosphäre, das reduzierte (und tlw. sehr skurrile) Figurenensemble und die Beschränkung auf einen recht überschaubaren Handlungsort faszinieren mich noch heute. Ansonsten bin ja ein Potterhead, was v.a. daran liegt, dass ich mit Harry aufgewachsen bin und er mein Interesse an phantastischer Literatur geprägt hat. Also steht »Harry Potter« von J.K. Rowling auch ganz oben auf der Liste.
Als drittes nenne ich mal »Kalte Asche« von Simon Beckett, stellvertretend für die David-Hunter-Reihe. Er ist eines meiner Vorbilder in Sachen Spannungsliteratur. Und den zweiten Band der Reihe deshalb, weil mir die Atmosphäre der schottischen Hebrideninsel so gut gefallen hat.

Teil 5: Organisation und Persönlichkeit

 

24. Welche fünf Eigenschaften sollte ein Autor unbedingt besitzen?

Kreativität: nicht den zehntausendsten Aufguss irgendeines Bestsellers zu verfassen
Durchhaltevermögen: wahrscheinlich der wichtigste Punkt. Auch weitermachen, wenn es mal nicht so läuft.
Dickes Fell: schlechte Rezensionen, Leser, die mit der Geschichte nichts anfangen können … Nach Veröffentlichung wird man mit Meinungen zur eigenen Geschichte konfrontiert, die einem nicht gefallen werden. Diese muss man jedoch tolerieren.
Wissensdrang: Die Bereitschaft, auch beim zwanzigsten Buch noch dazuzulernen.
Empathie: um sich in seine Figuren hineinversetzen zu können.

25. Welchen Ratschlag möchtest du jemandem mitgeben, der gerade erst mit dem Schreiben begonnen hat?

Lies und schreib so viel du kannst.

26. Familie, Arbeit, Studium, Schreiben, Vertrieb der Bücher, Social Media. Der Kalender ist voll, was tust du, um nicht auszubrennen dabei?

Mit meinen beiden Katern kuscheln. Nichts entspannt so sehr wie eine schnurrende Katze auf dem Schoß. Oder ich mache einen langen Spaziergang um den Aasee in Münster. Oder statte meiner Lieblingsbuchhandlung einen Besuch ab. Seit Anfang Januar gehe regelmäßig wieder ins Fitnessstudio. Das schafft einen guten Ausgleich.

Teil 6: Ausblicke und Einblicke

 

27. Glückwunsch! Du hast eine Fee gefunden und sie erfüllt Dir einen Wunsch. Einzige Einschränkung, es muss etwas mit Büchern zu tun haben. Was wünschst du dir?

Ich wünsche mir, dass ich alles, was ich lese, besser behalten kann. Mein Gedächtnis ist leider ein Sieb, ich vergesse unwahrscheinlich viel. Es wäre cool, wenn ich Dinge nur einmal lesen müsste, um sie mir zu merken.

28. Wenn Du eine Sache am Buchmarkt ändern könntest, was wäre das?

Ich würde die Akzeptanz der Self-Publisher im (deutschen) Buchmarkt fördern, da ich es schade finde, dass noch immer stark zwischen Verlagsautor und Self-Publisher unterschieden wird. Warum sollten Buchhandlungen z.B. nicht auch qualitativ hochwertige Werke von SPlern verkaufen?

29. Zum Schluss was Handfestes: Welche Workshops, Lehrgänge, Coverdesigner, Lektoren oder Korrektoren kannst du aus Deiner bisherigen Arbeit empfehlen?

Bezüglich der Empfehlungen zu Korrektorat, Lektorat und Coverdesign kann ich leider gar nichts beitragen, da ich mit Leuten aus meinem näheren Umfeld zusammenarbeite, die diese Dienste nicht beruflich anbieten.
Annika Bühnemann bietet z.B. sehr gute Workshops zu verschiedenen Themen an, die sich auf jeden Fall lohnen. Und ich weiß, dass Christin Thomas wunderbare Buchcover entwirft.

Liebe Nina, ich danke Dir für dieses ausführliche Interview und Deine umfangreichen Antworten. Ich hoffe, es hat Dir genauso viel Spaß gemacht wie mir.

Alle Fotos von privat.

Während dieses Artikels habe ich zwei Tassen Kaffee getrunken. Ich freue mich, wenn Du Dich an meinen Unkosten beteiligst.

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